Seit Brandschutzbegehung müssen Heimbewohner auf Stühle verzichten / Feuerwehr: Sicherheit kommt vor Komfort
Das strengt beide an. Zwischendurch braucht das Paar immer mal wieder eine Pause, um sich zu setzen und auszuruhen. Ruheplätze und Nischen entlang ihres gewohnten Weges sind ihnen wichtig. Als Margarete Malohn vergangene Woche ins Heim der Diakonissenanstalt Salem-Köslin (Kuhlenstraße) kommt, trifft sie fast der Schlag. Die Stühle, Sessel, Bänke und Tische, die sonst in den Nischen standen: Weg! Die überraschte Frau erkundigt sich beim Personal und erfährt: Es gab eine Brandschutzbegehung im Haus "Morgenglanz" (110 Betten). Die habe im Kern ergeben: Keine brennbaren Gegenstände dürfen sich in den Nischen der Flure befinden. Auch dann nicht, wenn sie die Fluchtwege weder blockieren noch einengen. Die Heimleitung wurde aufgefordert, die Möbel sofort (!) wegzuräumen. Prompt wurden die Haustechniker zusammengetrommelt, um die Stühle auf dem Dachboden einzustapeln. Zusammensetzen können sich die Bewohner jetzt noch in den Gemeinschaftsräumen oder dem Mehrzweckraum.
Rattanstühle und Polstermöbel sind auf den Dachboden verbannt worden. Keine brennbaren Gegenstände dürfen sich in den Nischen der Flure befinden, sagt die Feuerwehr.
Der Protest folgt prompt. Margarete Malohn schreibt einen wütenden Brief an die Mindener Berufsfeuerwehr: Die Bewohner des Heimes seien mit dieser Maßnahme "dazu verdonnert, auf ihren Zimmern auf der Bettkante zu sitzen und wie in einer Gefängniszelle dahinzudämmern", so ihr Vorwurf. Dass auch der Kiosk geschlossen werden muss, ist für die 78-Jährige aus Porta Westfalica ein Unding: Der sei die einzige Einkaufsmöglichkeit für nicht mehr mobile Menschen. Am meisten aber regt sie auf, dass dem Heim keine Frist eingeräumt wurde, um eine Lösung zu finden. Sie schimpft: "Alte und kranke Menschen haben keine Lobby!"
Es ist in der Tat eine schwierige Aufgabe für die Pflegenden, den alten Menschen klar zu machen, was mit ihrem ehemaligen Lieblingsplatz passiert ist. "Etwa 70 Prozent unserer Bewohner leiden an Demenz", sagt Larissa Weis, Pflegedienstleitung im Haus "Morgenglanz". Das ist häufig auch der Grund des Umzugs in ein Pflegeheim. Mobile Demenzkranke besitzen meist einen hohen Bewegungsdrang. Ein strukturierter Tagesablauf und feste Anlaufpunkte geben ihnen Orientierung und Sicherheit. Lieb gewordene Möbelstücke vermitteln ein gewisses "Daheimgefühl". Dass sich ihre Stühle plötzlich in Luft auflösen, verunsichert sie. "Wir bemühen uns, sie an die neue Situation zu gewöhnen", so Larissa Weis. Auch die Angehörigen sollen heute Nachmittag in großer Runde im Haus "Morgenglanz" informiert werden.Peter Kohn, Bereichsleiter Stationäre Pflege, bemüht sich, die Wogen zu glätten. "Wir werden einen tragbaren Kompromiss finden." Er wolle den Bericht der Feuerwehr abwarten, dann werde sich die Diakonissenanstalt Salem-Köslin kompetenten Rat suchen - und danach stehen wohl Umbaumaßnahmen an. Es ist nämlich nicht damit getan, die alten Sitzgelegenheiten durch (nicht brennbare) Edelstahlstühle zu ersetzen. Das bestätigt auch Dr. Dirk Schlomann, verantwortlich für den vorbeugenden Brandschutz bei der Feuerwehr Minden.
Möbel ohne großes Federlesen entfernt
Er hat die Wohnheime an der Kuhlenstraße besichtigt und ohne großes Federlesens das sofortige Entfernen der Möbel angeordnet. Die Situation im Haus "Morgenglanz" kann sich in anderen Heimen wiederholen. "Seniorenheime ab 1600 Quadratmeter Wohnfläche müssen wiederkehrend geprüft werden", erklärt er. Das schreibe die Bauordnung seit 2009 vor. In Minden müssen sich insgesamt 14 Pflegeheime auf solche Begehungen einstellen. Und an den Brandschutz-Paragrafen haben sich seit 2009 auch schon Kindergärten, Schulen, Jugendhäuser, Theater und Partyveranstalter die Zähne ausgebissen (Berichte im MT).
Außer dem Mobiliar nimmt Schlomann auch Dekorationsgegenstände, Lichterketten oder offene Leitungen ins Visier. Seinem geübten Blick entgeht nichts. Nicht erfreut war Schlomann, im "Morgenglanz" den Kiosk im dritten Obergeschoss zu entdecken, denn der sei auf dem letzten genehmigten Grundriss (zwölf Jahre alt) nicht eingezeichnet gewesen. "Dieser Kiosk war brandschutztechnisch nicht abgetrennt", ergänzt Architektin Saniye Danabas-Höpker, Technische Sachbearbeiterin im Fachbereich Bauen und Wohnen. Direkt neben dem Kiosk standen fünf Rattanstühle um einen Tisch. In diesem Treffpunkt erkennen Brandschützer einen "Gefahren-Knotenpunkt". In solchen Fällen müsse sofort gehandelt werden, so Schlomann: "Sicherheit kommt vor Komfort." Die Zielvorgabe für Pflegeheime ist, dass sie aus vielen kleinen Brandbekämpfungsabschnitten bestehen sollen, die voneinander abgeschottet sind. Dadurch erhält man kleine Einheiten, die schnell zu evakuieren sind. Das ist gerade bei den häufig durch Stock, Gehhilfe, Krücke oder Rollstuhl behinderten Senioren wichtig.