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02.02.2012
Verlorener Lieblingsplatz macht Kummer
Seit Brandschutzbegehung müssen Heimbewohner auf Stühle verzichten / Feuerwehr: Sicherheit kommt vor Komfort
VON ANJA PEPER

Minden (mt). Seit ihr Mann nach zwei Infarkten und einem Schlaganfall auf den Rollstuhl angewiesen ist, übt Margarete Malohn mit ihm das Gehen. Täglich fährt die 78-Jährige nach Minden zum Haus "Morgenglanz", um sich bei ihm einzuhaken und gemeinsam den Flur des Seniorenheimes gemächlich auf und ab zu schreiten.

Blick in den Mehrzweckraum des Hauses "Morgenglanz". Wer sich Geselligkeit wünscht, kann dorthin ausweichen oder die Gemeinschaftsräume nutzen. Aber die Nischen im Flurbereich des Seniorenheimes sind jetzt tabu. | Fotos: Alex Lehn

Das strengt beide an. Zwischendurch braucht das Paar immer mal wieder eine Pause, um sich zu setzen und auszuruhen. Ruheplätze und Nischen entlang ihres gewohnten Weges sind ihnen wichtig. Als Margarete Malohn vergangene Woche ins Heim der Diakonissenanstalt Salem-Köslin (Kuhlenstraße) kommt, trifft sie fast der Schlag. Die Stühle, Sessel, Bänke und Tische, die sonst in den Nischen standen: Weg! Die überraschte Frau erkundigt sich beim Personal und erfährt: Es gab eine Brandschutzbegehung im Haus "Morgenglanz" (110 Betten). Die habe im Kern ergeben: Keine brennbaren Gegenstände dürfen sich in den Nischen der Flure befinden. Auch dann nicht, wenn sie die Fluchtwege weder blockieren noch einengen. Die Heimleitung wurde aufgefordert, die Möbel sofort (!) wegzuräumen. Prompt wurden die Haustechniker zusammengetrommelt, um die Stühle auf dem Dachboden einzustapeln. Zusammensetzen können sich die Bewohner jetzt noch in den Gemeinschaftsräumen oder dem Mehrzweckraum.

Rattanstühle und Polstermöbel sind auf den Dachboden verbannt worden. Keine brennbaren Gegenstände dürfen sich in den Nischen der Flure befinden, sagt die Feuerwehr.

Der Protest folgt prompt. Margarete Malohn schreibt einen wütenden Brief an die Mindener Berufsfeuerwehr: Die Bewohner des Heimes seien mit dieser Maßnahme "dazu verdonnert, auf ihren Zimmern auf der Bettkante zu sitzen und wie in einer Gefängniszelle dahinzudämmern", so ihr Vorwurf. Dass auch der Kiosk geschlossen werden muss, ist für die 78-Jährige aus Porta Westfalica ein Unding: Der sei die einzige Einkaufsmöglichkeit für nicht mehr mobile Menschen. Am meisten aber regt sie auf, dass dem Heim keine Frist eingeräumt wurde, um eine Lösung zu finden. Sie schimpft: "Alte und kranke Menschen haben keine Lobby!"

Es ist in der Tat eine schwierige Aufgabe für die Pflegenden, den alten Menschen klar zu machen, was mit ihrem ehemaligen Lieblingsplatz passiert ist. "Etwa 70 Prozent unserer Bewohner leiden an Demenz", sagt Larissa Weis, Pflegedienstleitung im Haus "Morgenglanz". Das ist häufig auch der Grund des Umzugs in ein Pflegeheim. Mobile Demenzkranke besitzen meist einen hohen Bewegungsdrang. Ein strukturierter Tagesablauf und feste Anlaufpunkte geben ihnen Orientierung und Sicherheit. Lieb gewordene Möbelstücke vermitteln ein gewisses "Daheimgefühl". Dass sich ihre Stühle plötzlich in Luft auflösen, verunsichert sie. "Wir bemühen uns, sie an die neue Situation zu gewöhnen", so Larissa Weis. Auch die Angehörigen sollen heute Nachmittag in großer Runde im Haus "Morgenglanz" informiert werden.Peter Kohn, Bereichsleiter Stationäre Pflege, bemüht sich, die Wogen zu glätten. "Wir werden einen tragbaren Kompromiss finden." Er wolle den Bericht der Feuerwehr abwarten, dann werde sich die Diakonissenanstalt Salem-Köslin kompetenten Rat suchen - und danach stehen wohl Umbaumaßnahmen an. Es ist nämlich nicht damit getan, die alten Sitzgelegenheiten durch (nicht brennbare) Edelstahlstühle zu ersetzen. Das bestätigt auch Dr. Dirk Schlomann, verantwortlich für den vorbeugenden Brandschutz bei der Feuerwehr Minden.

Möbel ohne großes Federlesen entfernt

Er hat die Wohnheime an der Kuhlenstraße besichtigt und ohne großes Federlesens das sofortige Entfernen der Möbel angeordnet. Die Situation im Haus "Morgenglanz" kann sich in anderen Heimen wiederholen. "Seniorenheime ab 1600 Quadratmeter Wohnfläche müssen wiederkehrend geprüft werden", erklärt er. Das schreibe die Bauordnung seit 2009 vor. In Minden müssen sich insgesamt 14 Pflegeheime auf solche Begehungen einstellen. Und an den Brandschutz-Paragrafen haben sich seit 2009 auch schon Kindergärten, Schulen, Jugendhäuser, Theater und Partyveranstalter die Zähne ausgebissen (Berichte im MT).

Außer dem Mobiliar nimmt Schlomann auch Dekorationsgegenstände, Lichterketten oder offene Leitungen ins Visier. Seinem geübten Blick entgeht nichts. Nicht erfreut war Schlomann, im "Morgenglanz" den Kiosk im dritten Obergeschoss zu entdecken, denn der sei auf dem letzten genehmigten Grundriss (zwölf Jahre alt) nicht eingezeichnet gewesen. "Dieser Kiosk war brandschutztechnisch nicht abgetrennt", ergänzt Architektin Saniye Danabas-Höpker, Technische Sachbearbeiterin im Fachbereich Bauen und Wohnen. Direkt neben dem Kiosk standen fünf Rattanstühle um einen Tisch. In diesem Treffpunkt erkennen Brandschützer einen "Gefahren-Knotenpunkt". In solchen Fällen müsse sofort gehandelt werden, so Schlomann: "Sicherheit kommt vor Komfort." Die Zielvorgabe für Pflegeheime ist, dass sie aus vielen kleinen Brandbekämpfungsabschnitten bestehen sollen, die voneinander abgeschottet sind. Dadurch erhält man kleine Einheiten, die schnell zu evakuieren sind. Das ist gerade bei den häufig durch Stock, Gehhilfe, Krücke oder Rollstuhl behinderten Senioren wichtig.

Dokumenten Information
Copyright © Mindener Tageblatt 2012
Dokument erstellt am 01.02.2012 um 22:16:28 Uhr

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Kommentare
Es ist schon erstaunlich, wie die Meinungen hier auseinander gehen. Hat schon mal jemand gefragt, seit wann die Sitzgelegenheiten und der Kiosk bereits in der jetzt beanstandeten Form existent waren? Wie viele Brandschauen sind durchgeführt worden, ohne dass der Kiosk oder die Sitzecken beanstandet wurden? Bevor hier die Heimleitung, der Betreiber, der Brandschutzbeauftragte oder die Bauaufsicht vorverurteilt werden, sollte man sich erst erkundigen, seit wann diese Vorschriften bestehen. Eine Versachlichung der öffentlichen Diskussion wäre hier sehr hilfreich.

Man muß allerdings auch mal anmerken das allein schon das Foto durch die Perspektive und dem einsamen Rolli schon üble Meinungsmache ist.

So sieht es echt trostlos aus. Das gleiche Bild aus der Perspektive eines erwachsenen Menschen (die eines Kindes hätte schon gereicht) hätte das längst nicht so trostlos aussehen lassen.

@MT: Stattet Ihr Küchenschaben mit Kameras aus oder wie kommt sowas zustande?
Man hat langsam das Gefühl Euch ist nix mehr peinlich.
Von neutraler Berichterstattung hält man offenbar nicht mehr viel, oder?

@rudolph: Sie gerieren sich als über Allem stehend, leider sind Sie des Lesens nicht mächtig enttarnt. Alles was Sie hier als nicht berücksichtigt oder in Vergessenheit geraten anbringen, ist in diversen Kommentaren sehr wohl aufgezeigt worden. In einigen Punkten widersprechen Sie sich sogar selbst. Überhebliche Selbstdarstellung ohne Sachbezug in einem solchen Forum halte ich persönlich für sinnentleert. Ergo gilt auch hier: Wer liest, ist klar im Vorteil.

Genau das ist der Punkt: Kaum ein Betreiber oder Firmeninhaber kann die Gesetzeslage beim Arbeits- und Brandschutz und deren Modifizierungen so kennen, dass diese auch ihren (unbestrittenen) Sinn erfüllen. Deshalb gibt es ja auch die Forderung des Gesetzgebers z.b. nach einer Sicherheitsfachkraft und einem Brandschutzbeauftragten. Bei KMU werden diese Tätigkeiten in der Regel extern vergeben, da bei den Wenigsten der geballte Sachverstand im eigenen Haus verfügbar ist, wie dies beispielsweise bei der Knoll AG der Fall ist.
Die Verantwortung bleibt natürlich trotzdem beim Inhaber, aber um die Einhaltung der Vorschriften zu überprüfen, gibt es regelmäßige Begehungen (bei uns mindestens 2x jährlich) der externen Beauftragten und einen anschließenden Bericht mit notwendigen Maßnahmen. Zusätzlich ist (und dies bereits beim Bauantrag und bei der späteren Abnahme, aber auch bei Brandschauen) die Feuerwehr mit ihrem Sachverstand gefragt, allerdings auch aufgerufen, GEMEINSAM nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen, wenn Handlungsbedarf festgestellt wird. Und hier liegt offensichtlich der "Hase im Pfeffer": Aus meiner beruflichen Erfahrung kenne ich es so, dass wir in Absprache mit der Feuerwehr immer eine Lösung gefunden haben, dem Brandschutz UND den betrieblichen Notwendigkeiten Genüge zu tun. Allerdings spreche ich dabei von der Feuerwehr in Porta.......wie das in Minden aussieht, vermag ich nicht zu beurteilen.

"Es gerät in Vergessenheit, dass insbesondere die Betreiben von Pflegeeinrichtungen in der Pflicht stehen und nicht erst eine Behörde kommen muß, um dem Betreiber klarzumachen, wie desolat der Sicherheitsstandard seiner Einrichtung ist"
Das ist ein bischen zu einfach.
Solche Heime werden regelmäßig vom Brandschutz überprüft. Das ist Pflicht und eben auch sinnvoll weil sich ständig Dinge ändern und kein Mensch das alles wissen kann. Dafür gibt es Fachleute eben die machen diesen Job. Ne Heimleitung wäre dazu gar nicht in der Lage.
Wenn es was zu beanstanden gibt, dann wird das umgehend in Ordnung gebracht und damit haben die Betreiber ihrer Pflicht genüge getan.
Das, was Du hier forderst, kann ein Laie - die wenigsten Heimleiter sind Feuerwehrleute oder Brandschutzbeauftragte - gar nicht leisten. Dafür kann keiner die Verantwortung übernehmen.

ch kenne kein Heim hier in Minden (da ich beruflich damit zu tun habe bilde ich mir ein das ich jedes hier in Minden schon von innen gesehen habe) in dem es diese Sitzgelegenheiten nicht gibt. Da, wie gesagt, die Heime regelmäßig kontrolliert werden, liegt es auf der Hand das auch der Brandschutz da vorher die Augen zugedrückt hat. Wenn die das nicht anmahnen, warum soll das Personal oder die Heimleitung dann darin ein Problem sehen?
Jetzt den Zeigefinger zu erheben ist schon ein ziemliches Unding.



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