MT-Interview: Sabine Schael vom Vegetarierbund Deutschland fordert Umstellung der Landwirtschaft auf vegan-vegetarische Produktion
Seit September gibt es die Regionalgruppe. Zusammen mit anderen Verbänden und Gruppen will sie parallel zur in Berlin stattfindenden Internationalen Grünen Woche am 21. Januar gegen Dioxinskandale, Gentechnik im Essen und Massentierhaltung demonstrieren. Im Gespräch mit MT-Mitarbeiterin Doris Christoph erklärt sie, warum man teilnehmen sollte und was in der Landwirtschaft schief läuft.
Bei der Demo am 21. Januar wird gegen Dioxinskandale, Gentechnik im Essen und Massentierhaltung demonstriert. Sie gehen noch einen Schritt weiter: Der Vebu möchte am liebsten die gesamte Landwirtschaft auf vegetarisch-vegane Produktion umstellen. Ist das nicht diktatorisch, anderen zu sagen, was sie essen können und dürfen?
Ich sehe es nicht als diktatorisch an, sondern ich würde sagen, wir zwingen ja keinen, wir schlagen das vor. Es ist so, dass bei dieser Großdemo "Wir haben es satt!" Leute aus ganz unterschiedlicher Motivation teilnehmen. Es sind Bauernverbände, Klein-Bauernverbände, es ist der NABU, der BUND und unter anderem auch der Vegetarierbund. Wir unterstützen diese ganzen Forderungen. Der Unterschied bei uns ist eben, dass wir ein anderes Ziel haben, dass wir weitergehen und sagen: Wir wollen irgendwann in einer Gesellschaft leben, wo keiner mehr Tiere töten möchte. Das ist unser Fernziel.
Wenn man jetzt die Produktion umstellen würde, dann hätten die "Fleischesser" aber ja keine Alternative mehr.
Das ist richtig, aber das ist ja eine Gesetzessache. Solange es eben noch legal ist zu töten, können wir da gar nichts dran machen. Das ist die Entscheidung jedes einzelnen Verbrauchers. Aber man könnte sich irgendwann mal denken, dass es vielleicht in hundert oder zweihundert Jahren verboten ist zu töten - allgemein: Nicht nur Menschen zu schonen, sondern auch Tiere zu schonen. Aber das ist eine kleine Utopie und ein bisschen träumen darf man ja noch.
Was stößt der Vebu-Regionalgruppe denn hier im lokalen Bereich sauer auf? Sie fordern ja "Bauernhöfe statt Agrarindustrie", die Landwirtschaftskammer Minden-Lübbecke sagt, dass es hier kaum Agrarindustrie gebe.
Wir haben gerade im Moment in Lage ein großes Problem. Da gibt es eine Bürgerinitiative gegen eine neu zu gründende Hähnchen-Mastanlage. Es sollen 85 000 Hähnchen in einem Stall gehalten werden. Also das stimmt nicht, dass wir in der Region solche Dinge nicht haben.
Und in Minden-Lübbecke?
Kann ich im Moment nicht sagen. Aber ich glaube auch gar nicht, dass das so etwas Ungewöhnliches ist. Die Frage ist, wie definiert man Massentierhaltung? Jede Hühnchenanlage oder jede Eieranlage hier in der Region ist eine Massenzucht. Vom 1. Januar an ist die Kleinkäfighaltung verboten, es ist aber trotzdem noch eine Käfighaltung, nur ist sie etwas größer geworden. Auch das ist Massentierhaltung. Und es ist ja auch so, dass diese Betriebe oft so fern abliegen, dass der normale Bürger die oft gar nicht sieht.
Dioxinskandale, Genfood, Agrarsubventionen, Massentierhaltungen - Wer ist denn eigentlich der Böse? Gegen wen richtet sich die Demonstration konkret?
"Gegen wen" ist ein gutes Stichwort. Ich würde eher sagen "für". Wir demonstrieren für eine Veränderung und dafür, dass wir bei den Agrarministern, die ja demnächst zusammenkommen, um eine neue Agrarreform europaweit ins Leben zu rufen, noch Einfluss nehmen können. Und schuld ist auf jeden Fall nicht nur die Regierung, schuld sind nicht nur die Bauern, sondern schuld ist auch der Verbraucher selbst. Und ich finde, man kann nicht mit dem Finger auf andere zeigen, wenn man selbst nicht persönlich Konsequenzen in seinem Lebensstil zieht. Wir möchten aber deutlich machen, dass die Bundesregierung, auch die Landwirtschaftsministerin Aigner, in die Pflicht genommen ist - der Tierschutz ist Teil der Verfassung - diese Dinge auch ernst zu nehmen und Entscheidungen zu treffen, die dem nicht widersprechen.
Warum soll ich mich an meinem freien Samstag um 7 Uhr morgens in einen Bus setzen und zu dieser Demo nach Berlin fahren?
Es gibt so viele Menschen, die sagen, alleine könnten sie nichts erreichen. Und wir haben in unserer Arbeit gemerkt, auch im Vegetarierbund: Je mehr Menschen sich zusammenfinden, um für eine Sache zu kämpfen, oder auch nur zu demonstrieren, desto mehr kann man erreichen. Und dieser Einzelne, der vielleicht mit verschlafenen Augen dann zum Bus kommt, wird ein Gefühl des Erfolgs und der Kraft haben, wenn er in Berlin wieder 20 000 Menschen sieht, die das Gleiche getan haben wie er. Es gibt den berühmten Spruch: Wenn viele kleine Leute viele kleine Schritte tun, dann kann man was erreichen.
Sonst wird diese Litanei deutlich schneller abgefeuert.