MT-Serie: Jugend im Ehrenamt / Lucas Launert und seine Mitschüler harken auf dem Nordfriedhof Laub
"Mein Opa war Soldat im Zweiten Weltkrieg, aber er hat nicht viel davon erzählt", sagt Lucas Launert. Die Erlebnisse seien wohl zu schrecklich gewesen, vermutet der Jugendliche der Freiherr-von-Vincke-Realschule. Daran hat sich bis heute offensichtlich wenig geändert. "Mein Vater, der zweimal in Afghanistan war, um dort Häuser und Schulen zu bauen, hat wenig erzählt", sagt auch Kay Borgas. In dieser Woche haben die beiden Jungen mit ihren Mitschülern aus der neunten Klasse den Bereich der Kriegsgräber für die Gedenkfeier zum Volkstrauertag am Sonntag hergerichtet. Das bedeutet Laub harken, Unkraut jäten und Steinplatten auf den Gräbern säubern.
Damit setzen die Realschüler eine lange Tradition ihrer Schule fort. Schon Mitte der 60er Jahre fuhren die ersten Klassen ins Ausland und arbeiteten freiwillig auf Soldatenfriedhöfen, um Gräber gefallener Soldaten aus Deutschland und anderen Nationen herzurichten. Auch wenn diese Fahrten 1983 eingestellt werden mussten, hat sich diese Tradition gemeinschaftlichen ehrenamtlichen Engagements fortgesetzt. Mittlerweile schon in der zweiten Generation: Valerie Waldow trägt am Sonntag ein Friedensgedicht vor. "Auch ihr Vater hat schon als mein Schüler Kriegsgräber gepflegt", erzählt Reinhard Tschapke, ehemaliger Realschulrektor und Vorsitzender des VDK-Ortsverbandes Minden.
"Wir hatten schon im Geschichtsunterricht viel von Kriegen erfahren", sagt Vladimir Rimmer. Aber bei ihrer Tätigkeit auf dem Nordfriedhof
waren die Jugendlichen dann doch berührt zu sehen, wie jung die Gefallenen waren - manchmal nur ein paar Jahre älter als sie selbst. "Der Jüngste war vier Jahre", sagt Lucas Launert und weist auf den Teil mit den zivilen Opfern.
Und dann gibt es dort auch das Gräberfeld mit mehr als 100 ausländischen Toten, die als Zwangsarbeiter in Minden und Umgebung starben. "Dort liegen Russen, Belgier, Holländer und viele andere", sagt Shaban Gjakova nachdenklich. Er selbst ist zwar in Deutschland geboren, aber seine Eltern mussten aus dem Kosovo fliehen. Es waren Vorgänger der Freiherr-von-Vincke-Realschule, die in kyrillischen Buchstaben geschriebene Namen übersetzen und Schilder mit den Namen in deutscher Schreibweise an den Gräbern anbrachten.
Mit dem Laubharken - in diesen Tagen ohnehin eine nie endende Sisyphusarbeit - ist es nicht getan. Auch in den nächsten Monaten werden die Jugendlichen noch manches Mal ehrenamtlich tätig werden. "Es ist noch eine Vitrine mit Erläuterungen zu den Kriegsgräbern geplant", sagt Reinhard Tschapke, "und wir bräuchten noch Hinweisschilder aus Holz, die zu den ausländischen Gräbern führen". Viel kosten darf es nicht. Deshalb fragt der Schulleiter im Ruhestand seine fleißigen Helfer gleich, ob sie das im Technikunterricht machen könnten.
Und eines ist schon jetzt klar: In einem Jahr, dann in ihrem letzten Jahr auf der Realschule, wollen alle wieder auf dem Nordfriedhof sein und Laub harken.