LWL fördert 273 Kinder mit Behinderungen in Minden-Lübbecker Kindergärten / Inklusion ist das Ziel
Auf den ersten Blick ist Clarissa ein ganz normales Kind. Allerdings erkannten die Erzieherinnen bereits nach wenigen Tagen, dass Clarissa besonderen Förderbedarf hat. Sie empfahlen den Eltern deshalb eine ärztliche Untersuchung. Sie ergab, dass Clarissa, die vier Wochen zu früh auf die Welt kam, an einer Entwicklungsverzögerung leidet. Deshalb braucht sie eine besondere Förderung.
Lars ist fünf Jahre alt und besucht ebenfalls einen Kindergarten. Wenn man Lars sieht, wird seine Behinderung schon nach kurzer Zeit offensichtlich: Er leidet an der Glasknochenkrankheit und muss zeit seines Lebens vorsichtig sein, weil seine Knochen keine größeren Belastungen vertragen.
Jährlich 110 Millionen Euro für integrative Erziehung
Lars weiß zwar, dass er ein besonderes Handicap hat, kann aber die besonderen Risikosituationen als Fünfjähriger noch nicht sicher einschätzen. Außerdem ist er ein Kind, das gerne Fangen und Fußball spielt. In der Kindergartengruppe von Lars ist auch eine Zusatzkraft eingesetzt, aufgrund der besonderen Behinderung ist diese zusätzliche Erzieherin fast ausschließlich für ihn da.
Clarissa und Lars sind zwei von insgesamt über 9250 Kindern mit Behinderung, die mit finanzieller Unterstützung des LWL landesweit in besonderer Weise in ihren Kitas gefördert werden. Dafür wendet der LWL nach eigenen Angaben pro Jahr knapp 110 Millionen Euro auf.
Im Kreis Minden-Lübbecke werden 273 Kinder mit rund drei Millionen Euro im Jahr gefördert. "Gut angelegtes Geld", findet Klaus Dreyer, Referatsleiter im LWL-Landesjugendamt. Ziel des LWL ist es, Kinder mit Behinderung in die Gesamtgruppe zu integrieren und damit die gesellschaftliche Integration zu verbessern. Dazu finanziert der LWL Zusatzkräfte in den Kitas, die aber in der Regel nicht die Aufgabe haben, ausschließlich die Kinder mit Behinderung zu betreuen. Vielmehr besteht die Konzeption darin, das Team der Erzieherinnen zu verstärken, sodass alle Kinder einschließlich der Kinder mit Behinderung gefördert werden.
Zusätzliche Leistungen sind möglich, wenn - wie bei Lars - die Behinderung eine kontinuierliche Beaufsichtigung erforderlich macht. "Wir hoffen, dass wir mit unserer Unterstützung Clarissa und Lars einen guten Start ins Leben ermöglichen können", so Dreyer.
Geistige und körperliche Behinderungen sind heute die Ausnahmen: Mehr als 70 Prozent der Kinder mit Behinderungen in Kitas haben inzwischen Entwicklungsverzögerungen. "Deren Zahl nimmt auch weiterhin zu, weil der medizinische Fortschritt das Überleben vieler Kinder sichert, die noch vor Jahren nach der Geburt gestorben wären. Außerdem schauen Eltern, Ärzte und Erzieherinnen heute besser hin", so Dreyer. "Es ist gut, dass Eltern die Rechte ihrer Kinder wahrnehmen, auch wenn das für den LWL mit zunehmend hohen Kosten verbunden ist."
Heilpädagogische Kitas werden zu additiven Kitas
Eine besondere Form der Unterstützung bieten die sogenannten heilpädagogischen Kitas, die früher Sonderkindergärten genannt wurden. Hier werden jeweils acht Kinder in einer Gruppe gefördert. "Diese Form ist besonders für die Kinder sinnvoll, die aufgrund ihrer Behinderung eine Kleingruppe benötigen, wie zum Beispiel autistische Kinder oder Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten", erklärt Dreyer.
Rund 50 dieser insgesamt 80 heilpädagogischen Kitas werden bereits mit Regelkitas unter einem Dach betrieben, sodass sich die Vorteile der Kleingruppe mit der gemeinsamen Förderung von Kindern mit und ohne Behinderung verbinden. Die verbleibenden 30 reinen heilpädagogischen Einrichtungen sollen bis 2015 ebenfalls in solche additiven Kitas umgewandelt werden, sodass dann alle Kinder mit Behinderung inklusiv gefördert werden, so die Zielsetzung des LWL.
Manchmal gibt es aber auch Ärger: "Die besondere Förderung ist natürlich an gesetzliche Voraussetzungen geknüpft, die wir in jedem Einzelfall überprüfen müssen. Dabei stellen wir in etwa fünf Prozent der Anträge fest, dass die gesetzlichen Voraussetzungen nicht vorliegen. Insofern gibt es natürlich auch in diesen Fällen manchmal Beschwerden", so Dreyer.
Es gibt nach Angaben des LWL keine Wartelisten, jedes Kind kann einen integrativen Förderplatz in der Regelkita um die Ecke bekommen. 85 Prozent der Kinder mit Behinderung werden mit Kindern ohne Behinderung gefördert.
Fakten
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit 13 000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 20 Krankenhäuser, 17 Museen und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, den ein Parlament mit 101 Mitgliedern aus den Kommunen kontrolliert.