Meinhard Miegel wünscht sich einen allgemeinen Bewusstseinswandel / Grenzen des Wachstums sind erreicht
Der Sozialwissenschaftler und Publizist spricht am Mittwochabend beim Min+Din Werteforum zum Thema "Wohlstand ohne Wachstum". Und er rüttelt auf. Miegel wünscht sich ein Umdenken in der Gesellschaft, die zumindest in den reichen Ländern der Welt zu sehr auf Geld, Statussymbole oder berufliches Ansehen ausgerichtet ist. "Wo sind die anderen Werte des Lebens geblieben?", fragt er im fast vollbesetzten Foyer der Firma Wilhelm Altendorf. Dort ist es mucksmäuschenstill.
Der 71-Jährige erzählt von Mönchen, die hoch bezahlten Managern die einfachsten Dinge in der Natur erklären müssen. Von Vergeudung ("In Großbritannien landen 25 Prozent aller gekauften Lebensmittel auf dem Müll") oder vom "idealen Typ Schwiegersohn", den Brauteltern nur für sein Geld lieben. Miegel zeichnet das Bild einer konsumorientierten Gesellschaft. Und er führt seinen Zuhörern vor Augen, dass der Begriff Wohlstand für die meisten Menschen über Materielles definiert werde.
Miegel wirkt nicht belehrend, aber: Dass er sich große Sorgen macht, ist aus jedem seiner Worten deutlich herauszuhören. "Natürlich gehört auch Geld zum Wohlstand", sagt er. Doch man habe es versäumt, die anderen wichtigen Aspekte parallel weiter zu entwickeln. Um die zu aktivieren, gebe es nur einen Weg. "Wir müssen in die Bildung investieren."
Das bedeute jedoch nicht, sich dabei voll und ganz auf die berufliche Karriere zu konzentrieren. In seinem 45 Minuten langen Vortrag macht Miegel an vielen Stellen klar, dass die Menschen nicht zum Einkaufen geboren werden. "Wir müssen uns die Frage stellen, ob wir für das Leben oder für den Job lernen", sagt er und: Wie definiere man Erfolg?
Mit Zahlen einen Spiegel vorgehalten
Der Mann am Rednerpult nennt viele Zahlen. Die halten der Gesellschaft gnadenlos den Spiegel vor - und zeigen, dass die bis dato definierten Begriffe "Wohlstand" und "Wachstum" so nicht weiter gelebt werden können. Allein der demografische Wandel sorge dafür. 1881 habe es in Deutschland den letzten bestandserhaltenden Geburtenjahrgang gegeben. Im Jahr 2030 habe man mehr 80-Jährige als Teenager und: "Wir werden uns umstellen müssen", sagt Miegel. An den Lebensstandards müsse das nicht unbedingt etwas ändern, denn: Das Land sei dann immer noch reich.
Die Umstellung müsse vielmehr in den Köpfen erfolgen. Und Miegel macht klar, dass unsere heutigen Einstellungen zu Wachstum und Wohlstand nicht immer so waren. So habe man beispielsweise von der Zeit Karls des Großen bis zu Napoleon (rund 1000 Jahre) gebraucht, um das Pro-Kopf-Einkommen zu verdoppeln. Das entspreche einem jährlichen Wachstum von 0,07 Prozent. "Heute wäre das unvorstellbar wenig."Auch in Zeiten der beginnenden Industrialisierung lag das Wachstum bei nur 0,7 Prozent. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts habe es sich verfünffacht. "So etwas Ähnliches hat es in der Geschichte nie gegeben", sagt Miegel. Gleichzeitig habe es eine fundamentale Kehrtwende in der Sichtweise gegeben. Gesundheit, musische Fähigkeiten, Anstand oder Familienglück zählten nicht mehr (so viel). Dafür entstand die Ellenbogengesellschaft.
Streckenweise gleicht Miegels Vortrag einen Aufruf zur Umkehr. Die Bodenschätze seien fast aufgebraucht, täglich gehe eine Waldfläche von 400 Quadratkilometer verloren und auch die Weltmeere in einer dramatischen Situation. "Unsere Lebensgrundlagen werden schlechter", sagt der Mann, der mit den früheren Generationen gar nicht so hart ins Gericht geht. "Die wussten es einfach nicht besser, aber wir tun es."
Zu großes Streben nach Materiellem
Insofern ist aus Miegels Worten auch die Kritik herauszuhören, dass die Gesellschaft diese Entwicklung billigend in Kauf nimmt. Sie lasse zu, dass nach immer mehr Materiellem gestrebt werde - obwohl das aufgrund der veränderten Rahmenbedingungen in der Welt gar nicht möglich sei.
In der von MT-Lokalchef Hans-Jürgen Amtage moderierten Veranstaltung stellt Miegel mehrfach heraus, dass er mit seiner Kritik nicht die "wirklich Armen" meint. Und dass wirtschaftliche Unabhängigkeit zur allgemeinen Zufriedenheit beiträgt, verneint der Professor auch nicht. Aber er nennt auch das Ergebnis einer Studie, die seine Thesen untermauert. "Wer monatlich 1000 Euro zur Verfügung hat, bei dem steigt die Zufriedenheit nicht mehr an." Geld mache somit nicht glücklicher.
Das Min+Din Werteforum der Minden Marketing (MMG) wird auch im kommenden Jahr mit Unterstützung der Firma Altendorf fortgesetzt. Geschäftsführer Andreas Plöger hatte das zu Beginn der Veranstaltung mitgeteilt. So darf man sich auch im kommenden Herbst auf interessante Vorträge freuen. Plöger: "Jetzt müssen wir nur noch überlegen, welche Referenten wir einladen."
stehenden Code hier ein*: