Als innovativer Forscher setzt Franz Boas neue Darstellungsformen ein und treibt internationale Forschungsexpedition an
Bereits nach der Rückkehr vom kanadischen Baffinland, die im Zentrum des Theaterstücks "Die Farbe des Wassers" von Bernd Gieseking steht, führte Boas´ erster Weg nach New York, wo seine Verlobte Marie Krackowizer, Tochter eines emigrierten 1848er-Revolutionärs, und sein Onkel Abraham Jacobi lebten. Auch der Liebe wegen war Amerika früh für den jungen Wissenschaftler eine berufliche Perspektive, die ihm deutsche Universitäten wegen seiner jüdischen Herkunft nicht boten.
Weltausstellung: 1893 holte Franz Boas eine Gruppe von Kwakiutl-Indianern für Vorführungen nach Chicago.
Doch zunächst legte Boas 1885 in Berlin seine Habilitationsschrift, basierend auf den Ergebnissen der Arktisexpedition, vor. Während seine Arbeit am neu gegründeten Königlichen Museum für Völkerkunde kam er in Kontakt mit einer Gruppe von Bella-Coola-Indianern, die für eine der zu jener Zeit beliebten umherreisenden Völkerschauen nach Europa geholt worden waren. Auf Anhieb erkannte Boas die Vielschichtigkeit der Kulturen der Völker von der pazifischen Nordwestküste Kanadas und der USA und unternahm von 1886 bis 1930 Forschungsreisen in das Gebiet, das sich von Nordkalifornien bis ins südliche Alaska erstreckt.
Keine Aussicht auf feste Stelle im Field Museum
1887 übersiedelte Boas in die USA und heiratete Marie Krackowizer, mit der er sechs Kinder hatte. Davon starben drei vor dem Tod der Mutter 1929 und des Vaters 1942. Der berufliche Start in der Neuen Welt und das Auskommen waren für den Emigranten und jungen Familienvater schwierig. Nach einer Lektorentätigkeit für das bekannte Wissenschaftsmagazin "Science" wurde er 1889 zum Professor an der neu gegründeten Clark University berufen.
Doch schon 1892 folgte Boas dem Ruf seines Mentors, des angesehenen Anthropologen Frederic Ward Putnam, einen Pavillon für die Weltausstellung in Chicago zur 400-Jahr-Feier der Entdeckung Amerikas mit vorzubereiten. Hierfür organisierte er Vorführungen von kanadischen Kwakiutl-Indianern sowie umfangreiche anthropometrische Messungen bei nordamerikanischen Indianerstämmen.
Boas´ Erwartungen, im Anschluss eine dauerhafte Stellung als Kurator im neu gegründeten Chicagoer Field Museum zu finden, erfüllten sich jedoch nicht. Seine berufliche Existenz stand auf der Kippe. Dennoch gelang es ihm, sein grundlegendes erstes großes Buch über die Geheimbünde und die soziale Organisation der Kwakiutl zu schreiben. Bis heute gilt es als eines der Meisterwerke der Ethnologie.
1895 holte Putnam ihn an das American Museum of Natural History in New York. Durch Vermittlung Jacobis, der ein einflussreicher und bedeutender Kinderarzt war, erhielt Boas zudem eine Lektorenstelle für Anthropologie an der renommierten Columbia University. 1899 wurde er dort Professor und blieb es bis zu seiner Emeritierung 1937 im Alter von 79 Jahren.
Vom Museum aus organisierte Boas eine nach dem Finanzier Morris Jesup benannte internationale Expedition, die sich auf beide Seiten des Nordpazifiks erstreckte. Russische, amerikanische, kanadische und deutschstämmige Völkerkundler erbrachten die Bestätigung der engen Verwandtschaft der Kulturen diesseits und jenseits der Beringstraße sowie der Herkunft der Bevölkerung Amerikas aus Asien.
Von den Museen hin zu den Universitäten
Boas verfocht eine streng wissenschaftliche Ausrichtung der Ethnologie und eine Professionalisierung der noch jungen Disziplin - im Gegensatz zur Leitung des Museums. 1906 gab er die Tätigkeit als Kurator am AMNH auf und verstärkte seine Arbeit als Professor. Dieser Wechsel markiert zugleich eine Verlagerung der ethnologischen Forschung von den Museen hin zu den Universitäten in den USA.
Vielfach übernahmen Schüler Boas´ die Leitung der neu gegründeten Institute und Hochschulabteilungen. So prägte der gebürtige Mindener ab seinem 50. Lebensjahr die Universitätslandschaft in den Vereinigten Staaten wie kaum ein Zweiter in seiner Fachdisziplin und wurde zum Gründervater der modernen "Cultural Anthropology" und des Kulturrelativismus. Durch seine Haltung geriet Boas in der zweiten Hälfte seiner Karriere in einen scharfen Gegensatz zu am Rassegedanken orientierten Pseudowissenschaftlern.
Literatur zum Thema: Volker Rodekamp (Hrsg.), Franz Boas 1858-1942. Ein amerikanischer Anthropologe aus Minden, Bielefeld 1994. Uschi Bender-Wittmann/Jürgen Langenkämper, Franz Boas (9.7.1858-21.12.1942). Zum 150. Geburtstag (Schriftenreihe der Münzfreunde Minden und Umgebung Nr. 25), Minden 2008. MT-Serie zu Franz Boas auf
www.franz-boas.de / Presse. Nächste Folge am 18. Oktober im Kulturteil.
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