Werner Vehlber findet eigenen Campingplatz in Wallraff-Reportage wieder / "Alles aus dem Zusammenhang gerissen"
Damals machte Werner Vehlber mit der fiktiven Identität von Günter Wallraff Bekanntschaft. Unter dem Pseudonym Kwami Ogonno zog der Journalist im Sommer 2008 mehrere Monate durch Deutschland, um herauszufinden, wie Schwarze hierzulande behandelt werden. Auf seiner Reise landete er auch beim Familienbetrieb der Vehlbers, dem Campingplatz Osterwald in Espelkamp. Gut zwölf Monate später gehört Werner Vehlber zu jenen Deutschen, denen Fremdenfeindlichkeit und rassistische Äußerungen unterstellt werden - allerdings anonym: Stimme und Gesicht sind verpixelt und verändert, und der Platz liegt in "Minden am Teutoburger Wald".
Werner Vehlber erinnert sich noch genau an den Tag im August, an dem Wallraff damals unter falschem Namen bei ihm auftauchte. Außer dem Journalisten waren noch drei weitere Personen dabei: eine Frau und zwei Kinder. Die fiktive Familie reiste mit einem Wohnwagen an. "Erstmal wollten sie nur eine Nacht hierbleiben", erinnert sich der Campingplatzbetreiber. Er habe daher das übliche Formular ausfüllen lassen, kassiert wurde noch am Abend. 13,50 Euro - die Bestätigung besitzt Vehlber noch. Auf dem Papier meldet sich ein Kwami Ogonno für einen Wagenstellplatz in der Nacht vom 9. auf den 10. August 2008 an. Der Wohnwagen besitzt ein Mindener Kennzeichen, als fiktive Anschrift wird Königswall 123 angegeben. Eine Ausweisnummer eines somalischen Passes ist ebenfalls aufgeführt. Neben der schwer lesbaren Schrift von Wallraff befinden sich Druckbuchstaben von Vehlber. "Ich habe mir das damals genau aufgeschrieben. Ein somalischer Flüchtling, der einwandfreies Deutsch spricht - das kam mir gleich vor, als wenn er lügt", erklärt der 68-Jährige, der den Campingplatz seit 37 Jahren zusammen mit seiner Frau Edith betreibt.
Günter Wallraff schreibt später in einem Artikel des Zeit-Magazins: "Der Campingplatzleiter stimmt zu - offensichtlich schweren Herzens." Vorher sei er schon auf seine Hautfarbe angesprochen und darauf hingewiesen worden, dass er möglicherweise von den anderen Campern nicht akzeptiert werde. Vehlber kann sich an diese Aussagen nicht erinnern.
Anschuldigungen vehement zurückgewiesen
Auch die daran anschließenden Schilderungen Wallraffs weist der Betreiber vehement von sich. Bei Wallraffs Nachfrage nach einem Dauerstellplatz soll Vehlber Mitgliedern des verdeckten Kamerateams gesagt haben: "Mir ist es egal, wo ich mein Geld herkriege, aber die anderen laufen weg. Die haben ganz klar gesagt: Die Zigeuner lässt du die hier rein, dann packen wir." Vehlber sagt dazu: "Alles aus dem Zusammenhang gerissen." Zu dem Zeitpunkt habe gerade ein Treffen von Roma und Sinti in Hille stattgefunden. Weil es dort nicht genug sanitäre Anlagen gab, seien die Besucher zum Waschen zu ihm gekommen. "Das wollten die Dauercamper nicht, deswegen habe ich sie des Platzes verwiesen."Zur Anfrage über einen Dauerstellplatz will Vehlber gesagt haben: "Können Sie haben, wenn Sie sich hier wohlfühlen." Er sage das jeden Kunden. Die Familie habe sich aber überhaupt nicht umgesehen. Ob während des Gesprächs ein Kommentar über die Hautfarbe fiel, weiß der Campingplatzbesitzer nicht mehr. Zu einer Entscheidung sei es ohnehin nicht gekommen. "Als ich am nächsten Morgen die Zeitung aus dem Postkasten geholt habe, fuhren die schon weg."
Erst neun Monate später begegnet Werner Vehlber der Name Kwami Ogonno noch einmal. "Damals kam hier ein Mann vorbei, der mir 300 Euro dafür bot, dass ich eine Einwilligungserklärung unterschreibe." Er sei darauf hingewiesen worden, dass am 9. August auf seinem Campingplatz verdeckt gefilmt worden war. Vehlber sollte seine Zustimmung geben, dass die Aufnahmen gesendet werden durften. "Ich habe abgelehnt, weil ich das Material sehen wollte." Noch zwei Mal seien daraufhin Vertreter von Captator Film - der Produktionsfirma von Wallrafs Film - da gewesen. "Ich habe abgelehnt."
"Verfremdung zum Schutz des Betreibers"
Vehlber fand sich jetzt in einer Fernsehreportage über den Kinofilm des Journalisten wieder: gepixelt und mit verzerrter Stimme. "Ich habe nur Ausschnitte gesehen, aber die Aussagen sind aus dem Zusammenhang gerissen", sagt er. Außerdem seien nicht alle Aufnahmen auf seinem Gelände gemacht worden. Was ihn aber am meisten stört: "Unter falschen Namen irgendwo einchecken ist gesetzeswidrig, auch wenn man Günter Wallraff heißt."
Gerhard Schmidt, Produzent des Wallraff-Films, erklärte gestern Abend gegenüber dem MT: "Der Ort wurde nicht genannt, um die Privatsphäre des Campingplatzbetreibers über die Verfremdung zu schützen." Darum also "Minden am Teutoburger Wald." Vehlber habe die Genehmigung der Sendung in der Tat dreimal abgelehnt. Seinem Wunsch, unerkannt zu bleiben, sollte daher unbedingt entsprochen werden.
Nach Worten von Schmidt will sich auch Günter Wallraff in den kommenden Tagen gegenüber dem MT zu seinen Erfahrungen auf dem Campingplatz und zu Vehlbers (Gegen-)Anschuldigungen äußern.
Pseu|d|o|nym das; -s, -e: angenommener, nicht richtiger Name; Deckname [einer Autorin/eines Autors]
Sy|n|o|nym das; -s, -e, auch: Synonyma: (Sprachw.) Wort, das einem anderen in Bezug auf die Bedeutung ähnlich od. gleich ist (z. B. starten/anfahren/anlassen, Mann/Herr);
Duden - Das Fremdwörterbuch, 9. Aufl. Mannheim 2007 [CD-ROM]