Schwere Anschuldigungen in Günter Wallraffs neuem Film / Redaktion sucht nicht existenten Ferienort in der Weserstadt
Bei der Fahndung nach einem unbekannten Märchenort drängt sich der erste Rechercheschritt quasi von selbst auf: Den Autor fragen, was er genau meint. Mehrere Monate lang tourte Journalist Günter Wallraff quer durch Deutschland. Als Farbiger verkleidet und unter dem Synonym Kwami Ogonno erlebte er, wie Afrikaner hierzulande behandelt werden, und dass Rassismus immer noch ein Thema ist.
Die Tarnung des Journalisten funktioniert auch Monate später noch, ohne Schminke im Gesicht und schräger Kleidung, denn Günter Wallraff ist schwer zu finden. Pressekontakt: Fehlanzeige. Auf seiner Internetseite wird zwar ein Verantwortlicher genannt, der gleichzeitig auch Sekretär des Journalisten ist, dieser gibt aber weder Telefonnummer, noch E-Mail-Adresse an.
Kontakt aber wäre dringend nötig, denn der Vorwurf, den Wallraff erhebt, ist schwer: Minden soll fremdenfeindlich sein. Die Geschichte des Journalisten bietet Zündstoff. In einem Vorbericht zum Film, der unter dem Titel "In fremder Haut" im Zeit-Magazin erschienen ist, beschreibt Wallraff, wie er und seine - ebenfalls gecastete - schwarze Familie am Campinglatz "bei Minden im Teutoburger Wald" abgewiesen werden. Nach Angaben von Wallraff hatte der Platzinhaber Sorge, dass ihm die restlichen Kunden abwandern, wenn er den Farbigen einen Stellplatz vermittelt. Wallraff nennt Zitate wie "Die haben ganz klar gesagt: Die Zigeuner lässt du die hier rein, dann packen wir." Da kann man schon mal nachfragen.
Weil der Autor zunächst nicht auffindbar ist, ändert die Redaktion die Taktik. Ausgangsfrage: Welche Campingplätze liegen noch in der Nähe von Minden, könnten von Wallraff aber fälschlicherweise schon zum Teutoburger Wald gezählt werden? Es wird sich schnell auf den Großen Weserbogen in Porta und die Campingplätze in Vlotho geeinigt.
"Campingplatz kann nicht in der Nähe sein"
Zwei Anrufe genügen, um sicher zu sein: Wallraff war an keinem dieser Orte. Am Großen Weserbogen erinnert man sich an keinen Schwarzen mit Kamerateam. Beim Campingplatz Borlefzen in Vlotho kann man auch die anderen Plätze ausschließen. "Ich habe einen kurzen Bericht im Fernsehen gesehen. Der gezeigte Campingplatz kam mir nicht bekannt vor, kann also nicht in der Nähe sein", sagt Inhaberin Christiane Ziegler-Vauth. Auch der in diesem Zusammenhang genannte Ortsname sei ihr nicht bekannt. "Das klang wie ein kleines Nest, davon hatte ich noch nie gehört."
Weil auch die Campingplatzsuche ohne Erfolg bleibt, geht es zurück zu denen, die direkt am Film beteiligt waren: die Produktionsfirma des Filmes. Auch hier sind Firmenname, Adresse und Produzent schnell gefunden, eine Telefonnummer gibt es wieder nicht. Auch nicht auf Nachfrage beim koproduzierenden Sender WDR. Dort habe man keine Angaben zum Film, heißt es.
Film läuft derzeit in keinem Kino in OWL
Als letzte Hoffnung bleibt noch die Redaktion der Zeit, die Wallraffs Artikel im Vorfeld der Filmpremiere veröffentlichte. Man wolle sein möglichstes versuchen, heißt es auf Anfrage in der Presseabteilung. Viel Hoffnung könne man aber nicht machen. Gut 24 Stunden später klingelt dann doch das Telefon: Eine schriftliche Anfrage werde an ein Pressebüro von Wallraff weitergeleitet. Bis Redaktionsschluss lag gestern noch keine Antwort vor.
Die Option, sich den Film selbst im Kino anzusehen, in der Hoffnung den Campingplatz zu erkennen, gibt es im Übrigen auch nicht. Der X-Verleih, der die Kinos mit dem Film beliefert, besitzt derzeit nur rund zehn Kopien des Wallraff-Werkes. Keine davon wird in naher Zukunft nach Ostwestfalen geliefert.
Günter Wallraff
Hans-Günter Wallraff ist ein deutscher Enthüllungsjournalist und Schriftsteller.
Bekannt wurde er durch verdeckte Ermittlungen in Industriebetrieben ("Industriereportagen").
Wallraff gibt sich bei seinen Recherchen jeweils eine fiktive Identität und ist nicht als Journalist zu erkennen.
In den 70er Jahren arbeitete Wallraff bei Melitta in Minden am Fließband und veröffentlichte seine Erfahrungen im "Melitta-Report".
1977 war er vier Monate lang als Redakteur "Hans Esser" bei der Bild-Zeitung in Hannover beschäftigt. In "Der Aufmacher" und "Zeugen der Anklage" beschrieb er den Redaktionsalltag.
Ab 1983 arbeitete Wallraff zwei Jahre lang als türkischer Gastarbeiter "Ali" bei verschiedenen Unternehmen, unter anderem bei McDonald´s und Thyssen, um die Situation von Gastarbeitern darzustellen.
Der Schriftsteller war einer der Ersten, der den Kriegsdienst verweigerte. Trotz seiner Verweigerung musste er zeitweise zur Bundeswehr. (mt)
stehenden Code hier ein*: