MT-Stadtgespräch: Mindener Bürgermeisterkandidaten liefern sich kontroverse Debatte über Situation der Stadt
VON CARSTEN KORFESMEYER
Minden (cko). Es gibt sie immer noch, die alten offenen Wunden. Sie müssen wohl erst heilen, um die Stadt wieder nach vorne zu bringen. Das MT-Stadtgespräch hat Dienstagabend gezeigt, dass der Heilungsprozess noch länger dauert - und möglicherweise auch Narben zurückbleiben.
Die "Patientin" heißt Minden. Um ihre "medizinische Versorgung" bewerben sich die Bürgermeisterkandidaten Anke Peithmann (CDU und FDP) und Peter Düster vom Bürger-Bündnis Minden (BBM) sowie Amtsinhaber Michael Buhre (SPD). Alle drei wollen die Stadt voranbringen. Eines der "Arzneimittel" heißt Masterplan, der in der voll besetzten Aula des Ratsgymnasiums einen Schwerpunkt bildet. Der Masterplan ist ein Entwicklungskonzept. Er soll die Innenstadt voranbringen, Leerstände im Einzelhandel beseitigen oder mehr Menschen in die City locken. "Wir können ihn nicht umsetzen, denn wir haben die nächsten Jahre gar kein Geld dafür übrig", bremst Peithmann die Erwartungshaltung. Trotzdem könne man bereits etwas tun - und erste Ansätze leisten. "Wir brauchen Investoren".
Düster hält den Masterplan für nicht durchsetzbar, nennt ihn sogar ein Märchenbuch. Allein Buhre gibt sich optimistisch. Das Konzept biete möglichen Investoren Planungssicherheit - und es sei außerdem Grundlage für Anträge bei der Landesregierung. Wie Peithmann ist auch er davon überzeugt, dass es interessierte Investoren gibt. Doch denen müsse man positive Signale senden, damit sie kommen. Nach Düsters Ansicht geht das in Minden aber zu weit. "Das darf doch nicht sein, dass die so bauen, wie sie wollen", sagt er - und liefert Buhre damit eine Steilvorlage. "Wenn wir ihnen dauernd Erbsen unter die Matratze legen, reiten die Prinzen irgendwann weiter."
Peithmann haut (etwas gemäßigter) in die gleiche Kerbe. Sie will den Investoren so weit wie möglich entgegenkommen - den durch den Bürgerentscheid geäußerten Bürgerwillen aber beachten. Das bedeutet, dass das Rathaus nach ihren Worten so bleibt, wie es ist. Ob gewisse bauliche Änderungen im Zuge einer Innenstadtförderung machbar sind, wurde zumindest kurz angedacht. Grundsätzlich zeigt sich Düster, dessen BBM bekanntlich für den Erhalt des neuen Rathauses aus den 1970er-Jahren ist, von Peithmann beeindruckt. "Sowas hätten Sie mal vor einem halben Jahr sagen sollen. Dann wäre ich vielleicht gar nicht erst angetreten", sagt der 64-Jährige.
Stadtvisionen für das Jahr 2015
In der von MT-Lokalchef Hans-Jürgen Amtage und MT-Redakteurin Monika Jäger moderierten Veranstaltung malen die drei Bewerber jeweils ein Bild, auf dem sie Minden im Jahr 2015 skizzieren. Buhre malt unter anderem "laufende Euros", Düster ein symbolisches Herz für seine Verbundenheit zu Minden - und Peithmann die Innenstadt. Zumindest in ihrem Ziel sind sich die Politiker grundsätzlich einig. Dass es in Minden viel zu tun gibt, streitet auch keiner von ihnen ab. Während Buhre jedoch die Stadt insgesamt schon auf dem richtigen Weg sieht, sehen das seine Herausforderer nicht. Düster will unter anderem im Stadtmarketing Verbesserungsmöglichkeiten - und Peithmann bereitet die hohe Quote von Hartz-IV-Empfängern große Sorgen. Aber auch die immerjungen Themen wie Wohnen in der Innenstadt, Schulen, Bildung oder Arbeitsmarkt werden mehr oder weniger intensiv angesprochen und (meist) kontrovers diskutiert.
Natürlich bleibt auch die Frage nicht aus, wie es in der Verwaltung besser laufen könnte. Dass Buhre auch hier überzeugt ist, die richtigen Weichen gestellt zu haben, überrascht ebenso wenig wie die Kritik seiner Herausforderer. "Man darf nicht hinter verschlossenen Türen etwas beschließen - und es dann dem Bürger einfach nur vorsetzen", sagt Düster, der mangelnde Transparenz beklagt. Er fordert Projektmanagement und mehr Entscheidungsbefugnisse. Buhre kontert. "Komisch, sonst heißt es immer, der Buhre bildet zu viele Arbeitskreise und runde Tische." Er stellt heraus, dass es bei Gesprächen mit Vertretern der Wirtschaft einen Vertrauensschutz geben muss. "Und die Entwicklungsziele sind immer öffentlich." Peithmann hält es generell für wichtig, eine Bürgerbeteiligung zu ermöglichen. "Doch bei runden Tischen müssen die Spielregeln stimmen", sagt sie in Anspielung auf die hohe emotionale Debatte in der Abwasserfrage von Häverstädt und Haddenhausen. "Da hat man anfangs viel Porzellan zerschmettert. Das hätte ich anders angepackt."
Viele Fragen, viele Antworten - und noch mehr Meinungen prägen die mehr als zweistündige Veranstaltung. Doch die menschelnden Momente bleiben auch nicht aus. Als beispielsweise Peithmann die Klingel ihres uralten Rennrades ("Das würde ich nie hergeben") auf den Tisch legt, über ihre Mutter, ihren beruflichen Werdegang oder den elterlichen Bauernhof in Unterlübbe spricht, lernen die Zuschauer die privaten Seiten der jeweiligen Kandidaten kennen. Und plötzlich erkennen sie, dass der für seine deutlichen Aussagen oft gefürchtete Peter Düster eigentlich gar kein "Bullerkopp" ist - und sogar sehr sensible Züge hat. Maurerkelle, Zollstock und Hammer bringt er zum Stadtgespräch mit. "Die haben mein Leben geprägt", sagt er - und erzählt auch von der Freimaurerei, in die er 1991 eingetreten ist. "Diese Bruderschaft bedeutet mir viel."
Boogieman Vito am Piano rundet den Abend ab
Buhre sieht in einem Schraubschlüssel das Symbol, das für sein bisheriges Leben steht. Er plaudert über die auseinandergenommene Vorderachse seines ersten VW-Käfer. "Als ich Abitur machte fand ich das eigentlich gar nicht gut, denn es gefiel mir ganz gut am Herder", sagt er über seine Schulzeit und: Politik und Familie könne er seit der Bürgermeisterzeit nicht mehr ganz so ideal unter einen Hut kriegen.
Boogieman Vito sorgt für die musikalischen Akzente einer Veranstaltung, die drei starke Persönlichkeiten präsentiert hat. Den Satz des Abends leistet sich dann noch Düster, als er seine unterschiedlichen politischen Auffassungen gegenüber Buhre untermauern will. "Ich hoffe, Frau Peithmann schafft es. Oder ich."
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