Kompromiss bringt die Lösung / 65 Jahre nach Kriegsende wird der Wiederaufbau vollendet
Wenn man bei diesem Projekt von einer Geburt sprechen wollte, dann war es eine recht schwere. Zunächst gab es ganz andere Sorgen, als sich über diesen "Sprössling" Gedanken zu machen. Dann waren sich Eltern und die ferne Verwandtschaft nicht einig, ob man sich einen Jungen oder ein Mädchen wünscht. So kann man recht einfach das umschreiben, was in den vergangenen Jahrzehnten mit Blick auf die Errichtung eines Vierungsturmes auf dem Mindener Dom stattgefunden hat.
Im März 1945 völlig zerstört
Als am 28. März 1945 Teile der Innenstadt und der Dom nach dem letzten großen Bombenangriff in Schutt und Asche liegen, reift unter den heimischen Katholiken erst einmal der Wunsch, das Gotteshaus wieder aufzubauen. Zwölf Jahre später kann der neue Dom geweiht werden. Doch es fehlt ein Bauelement, das das Stadtbild bis zum März 1945 mit geprägt hat: Der Turm über der Domvierung mit seinem fünfstimmigen Geläut. Ein Turm, der bis in die Gotik hinein dokumentiert ist und wahrscheinlich schon während der romanischen Phase vorhanden war.
Der Vierungsturm auf dem Mindener Dom vor der Zerstörung bei einem Bombenangriff am 28. März 1945. | Foto: privat
Zunächst aber gab es viele andere Dinge, die in den folgenden Jahrzehnten wichtiger waren, bis der Wunsch nach Vollendung des Domes im Jahr 1989 wieder deutlich präsent wurde. In dem Jahr erstellte das damalige Staatshochbauamt einen Entwurf für einen Vierungsturm auf dem Dom.
Dass sich eine staatliche Stelle darum kümmerte, ist begründet in der Säkularisation. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Kirchenvermögen aus seiner kirchlichen Zweckbestimmung herausgenommen und dem Staat zu Staatszwecken zugeordnet. So trägt heute das Land Nordrhein-Westfalen die auf dem herausgenommenen Vermögen ruhenden Lasten und Verbindlichkeiten. Auch für den Mindener Dom.
Rund sechs Millionen Euro jährlich stehen in NRW für die insgesamt 150 infrage kommenden Objekte zur Verfügung. Etwa zwei Millionen Euro fließen in den Regierungsbezirk Detmold, wo es 60 kirchliche Objekte zu erhalten gilt, wie leitender Regierungsbaudirektor Hartmut Meierjohann erläuterte.
Doch zurück zum Mindener Vierungsturm, für den das Land inzwischen maximal 800 000 Euro zurückgestellt hat. 1989 kamen die Pläne nicht zum Tragen. 2006 aber trat erneut eine Planungsgruppe zusammen. Daran beteiligt: der Bau- und Liegenschaftsbetrieb des Landes mit seinem Berater Prof. Dieter Baumewerd, der auch beim Wiederaufbau des Berliner Schlosses involviert ist, und die Domgemeinde.
Vorstellungen klaffen weit auseinander
Erste Entwürfe wurden wenig später vorgelegt. Doch die Vorstellungen der beteiligten Theologen, Architekten, Ingenieure, Kunsthistoriker und Denkmalpfleger klafften weit auseinander. Aber die Pläne wurden weiterentwickelt. Und selbst die resolute Dombaumeisterin am Kölner Dom, Prof. Dr. Barbara Schock-Werner, machte sich wegen des Mindener Vierungsturmes auf in die westfälische Provinz. Ebenfalls an den Planungen beteiligt: die Leiterin des Bauamtes im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn, Emanuela Freiin von Branca. In den vergangenen Wochen zeichnete sich dann ein Ende der Diskussion ab. "Ein von allen getragener Kompromiss hat die Lösung gebracht", freut sich Roland Falkenhahn.
Auch Kirchenvorstandsmitglied Rudolf Bilstein ist die Freude anzumerken, dass der Vierungsturm geradezu in greifbare Nähe rückt und ab 2010 das Stadtbild wieder mit prägen wird, nachdem in diesem Jahr die Planungen und baurechtlichen Fragen abgeschlossen werden und im nächsten Jahr die Bauarbeiten beginnen sollen.
Die Stahlkonstruktion und die kupferne Verkleidung des Vierungsturmes werden voraussichtlich auf dem Großen Domhofes errichtet und später mithilfe eines Kranes auf die Vierung des Domes aufgesetzt. Gut 24 Meter hoch wird das neue Wahrzeichen des Domes sein. In der Spitze genauso hoch wie die Spitze des Westwerkes. Kugel und Kreuz, die den Turmabschluss bilden, werden sich dann mehr als 56 Meter über dem Gebäudesockel befinden.
Aus Brandschutzgründen wird unter dem Turm eine Art Stahlbetonschale montiert, in die zerstörte Turmbestandteile hineinfallen könnten, ohne dass das übrige Kirchengebäude Schaden nähme.
Mit der Fertigstellung könne bald auch die bauliche Nachkriegsgeschichte des Domes abgeschlossen werden, betont Rudolf Bilstein und ist gespannt, wie die Mitglieder des städtischen Bauausschusses heute bei der Vorstellung reagieren. Dessen Vorsitzender, Heinz-Dieter Böttger (SPD), gab gestern bereits ein positives Signal: "Ich bin sehr erfreut, dass das Vorhaben nun angegangen werden kann."
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