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14.04.2012
MT-INTERVIEW
Wolfgang Niedecken über seine Krankheit und den Auftritt 1991 in Minden
"Renne nicht mit dem geistigen Rollator rum"

Minden (mt). 60. Geburtstag, Autobiografie, neue Tournee mit BAP - und dann kam der Schicksalsschlag: Wolfgang Niedecken erlitt im November einen Schlaganfall. Inzwischen steht er wieder auf der Bühne. Vor wenigen Wochen wurde er mit dem Echo für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Am 23. August kommt er mit BAP nach Minden, gibt ein Konzert auf der Kultursommerbühne.

Dass er jetzt den Echo für sein Lebenswerk erhalten hat, empfindet Wolfgang Niedecken als etwas Besonderes. | Foto: dpa

"Ich sollte in Zukunft den Ball flach halten", hatte Niedecken in einem Interview nach seiner Erkrankung gesagt. So richtig sieht es danach nicht aus. Ab 3. Mai ist er mit BAP auf Tournee, Anfang Juni liegen dazwischen zwei Solo-Auftritte mit seiner Autobiografie und dann geht es ab Mitte Juni weiter von Paderborn über Heilbronn und von München nach Minden. Mit MT-Kulturredakteurin Ursula Koch sprach er am Telefon über seine Pläne.

Wie war Ihr Urlaub?
"Ich habe einfach eine Woche lang die Seele baumeln lassen in einem wunderschönen Stadthaus in Marrakesh, in dem wir schön häufiger waren. Ich habe nicht einmal meine Gitarre mitgenommen. Das heißt schon viel."

Ist das das Durchatmen für die anstehende Tournee?
"Ich war relativ oft in Marokko. Das ist allerdings durch das Projekt Rebound, für das ich jedes Jahr zwei Mal in andere afrikanische Länder reise, ein bisschen in den Hintergrund geraten. Das hätte ich mir dieses Jahr wahrscheinlich auch ohne Schlaganfall gewünscht. Voriges Jahr wurde groß gefeiert. Jetzt den 61. habe ich im absolut engen Kreis gefeiert."

Info
Karten für das Konzert von BAP und alle anderen Veranstaltungen auf der Kultursommerbühne gibt es bei Express-Ticketservice und der Minden Marketing.

Nach Ihrer Genesung hatten Sie in einem Interview gesagt, dass Sie künftig den Ball flach halten wollen. Im aktuellen Tourplan ist nicht mehr jeden Abend ein Konzert, aber sieht so wirklich ein flacher Ball aus?

"Ja klar. Wir müssen alle von etwas leben. Nein, im Ernst, ich mache das ja ungeheuer gerne. Der Grund für meinen Schlaganfall war ja nicht das stressige Tourleben, sondern ein ganz banaler, hartnäckiger Husten, der an meiner Halsschlagader eine Verletzung herbeigeführt hat. Ich habe nicht vor, mit dem geistigen Rollator rumzurennen."

Das heißt, es geht jetzt wieder mit voller Kraft voraus?
"Ja natürlich. Ich weiß, was ich mir nicht erlauben sollte. Ich lebe sehr gesund. Das habe ich aber vorher auch schon getan. Das Einzige, was ich Idiot versäumt habe, war im Laufe des Jubiläumsjahres weiter meinen Sport zu treiben. Damit hätte ich dann die Abwehrkräfte gehabt, um diesen dämlichen Husten erst gar nicht zu kriegen. Dann hätten wir das ganze Theater nicht gehabt."

Markierte diese Krankheit für Sie eine Zäsur in Ihrem Leben?
"Ich habe jetzt definitiv mal wahrgenommen, dass ich sechs mal zehn Jahre alt bin. Ansonsten interessiert mich das nun wirklich nicht. Ich lebe in einem sehr jungen Umfeld, arbeite mit Leuten, die wie ich voller Enthusiasmus etwas tun. Ich gucke nicht ständig in den Spiegel. Aber ich nehme die Gelegenheit jetzt endlich mal wahr, an der Stellschraube zu drehen."

Was bedeutet Ihnen, jetzt mit ein paar Tagen Abstand betrachtet, der Echo für Ihr Lebenswerk?
"Das war schon großartig, was da passiert ist. Campino hält eine sensationelle Laudatio, Wim Wenders springt aus der Torte und gibt mir das Teil. Dann spiele ich noch mit Clusoe und mit Thomas D jeweils einen Song, die Toten Hosen kommen am Schluss noch auf die Bühne. Das war klasse. Gerade an so einer Stelle des Lebens so einen Preis zu erhalten, das war etwas Besonderes. Die Organisatoren haben mir aber glaubhaft versichert, dass sie mir den Preis auch verliehen hätten, wenn ich den Schlaganfall nicht gehabt hätte."

Was Ihr Lebenswerk angeht, sind Sie doch aber eher noch mittendrin?
"Udo hat gesagt, hinterm Lebenswerk gehts weiter. Das ist der beste Spruch dazu."

Sie sind die Konstante bei BAP. Wie hat sich die Band in den vergangenen 30 Jahren aus Ihrer Sicht verändert?
"Seit 13 Jahren hat sich die Besetzung nicht mehr verändert und seitdem sind wir in einer Verfassung, in der wir es auch international aufnehmen könnten. Das müssen wir natürlich nicht, denn wir singen ja nach wie vor auf Kölsch. Das ist ein wunderbares Leben. Ganz klar ist, ich habe keine Backing-Band, sondern ich bin der Sänger dieser Band. Das will ich genauso haben. Wir werden alles, was wir künstlerisch machen, innerhalb dieser Band entscheiden. Ich würde das auch gar nicht anders wollen. Ich war immer ein Fan von Bands. Als mir die Beatles in meinem Transistorradio über den Weg gelaufen sind, Anfang der 60er Jahre, fand ich diese Idee, dass man das mit einer Band macht, sensationell. Vorher hat mich Musik überhaupt nicht interessiert."

Sie haben mit Bruce Springsteen zusammen auf der Bühne gestanden, mit Sheryl Crow, Dave Stewart, Bob Geldof, den Stones ... Mit wem würden Sie gerne mal zusammen Musik machen?
"Mir sind so viele Sachen passiert, die ich nie für möglich gehalten hätte. Schaun wir mal, sagt der große Philosoph Beckenbauer."

Wie stehen Sie als Musiker zum geplanten Acta-Abkommen?

"Das ist ein abendfüllendes Thema. Um es kurz zu machen: Man muss sich um das geistige Eigentum kümmern, ansonsten stirbt die Musik. Wir werden als Leute, die Tonträger produzieren, nicht adäquat geschützt. Wir sind allein gelassen. Die Freiheit im Internet steht auf einem ganz anderen Deckel."

Ihr Afrika-Projekt Rebound, das sich um die Resozialisierung ehemaliger Kindersoldaten kümmert, sollte 2012 auslaufen. Wissen Sie schon, wie Sie Ihr Engagement fortsetzen?
"Die Befristung gilt für Norduganda. Wir werden das dort aber weiter beobachten. Momentan läuft das alles fantastisch in den drei sogenannten Berufsschulen, um die wir uns da kümmern. Seit September sind wir auch im Ostkongo tätig. Da müssen wir noch einiges auf die Beine stellen."Befristet war das Projekt, weil Sie gesagt hatten, dass die ehemaligen Kindersoldaten dann erwachsen sind?
"Nein. Ganz einfach: In einem eigentlich funktionierenden Gemeinwesen wie Uganda, das zwar ein ziemlich korruptes Land ist, in dem aber kein Bürgerkrieg mehr herrscht, sollte das das eigene Kultusministerium auf die Reihe kriegen. Man muss die Zivilgesellschaft unterstützen, aber nicht den ugandischen Politikern das Heft des Handelns aus der Hand nehmen."

Machen wir noch einmal einen Bruch. Sie sind bisher zwei Mal in Minden aufgetreten. Können Sie sich noch an das Konzert mit BAP auf "Kanzlers Weide" 1991 erinnern?
"Kanzlers Weide - ein sensationeller Name. Wir hatten damals einen Pressepromoter, der lief bei uns unter dem Spitznamen "der Kanzler". An das Konzert kann ich mich noch gut erinnern. Ich weiß noch genau, dass ich im Backstagebereich gesessen habe mit Dave Stewart, der mitbekommen hatte, dass wir am Ende unseres Programms immer von David Bowie "Heroes" gespielt haben. Er fragte, ob er das nicht mitspielen könnte. Dann passierte etwas unglaubliches: Ich ging mit Dave Stewart in seinen Wohnwagen, um ihm die Akkorde zu zeigen und am Abend hat er es dann im Konzert mitgespielt. Davon habe ich noch ein Foto. Da fällt mir gerade ein, das ist sogar in meinem Buch Für ne Moment abgedruckt."

Das Buch ist das nächste Stichwort. Damit waren Sie im vergangenen Jahr im Stadttheater ...
"Das war schön. An die ganze Lesereise habe ich sehr angenehme Erinnerungen. In Minden hatte ich mich bis zu diesem Auftritt noch nie in der Innenstadt umgesehen."

Die hat keinen guten Eindruck auf Sie gemacht, habe ich gelesen ...
"Man sieht an der Innenstadt immer, wie es den Leuten geht. Das sehe ich wie ein Arzt."

Dieses Jahr ist der dritte Standort dran: Die Kultursommerbühne vor der Kulisse des Mindener Doms. Bedeutet das dem Kölner Niedecken etwas?
"Wegen des Doms? Wie hieß noch der Werbespruch von der Domkölsch-Brauerei? Überall wo ein Dom ist, ist Köln. Das finde ich klasse, dass wir da spielen. Vielleicht können die ja das Anfangsgeläut, das wir normalerweise per Band einspielen, dann höchstpersönlich einspielen."

Dokumenten Information
Copyright © Mindener Tageblatt 2013
Dokument erstellt am 13.04.2012 um 23:12:11 Uhr

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