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06.02.2012
Stichlinge: Eher Politsatire und Heimatfilm als Actionkino
Mindener bieten "Großes Kino in 3D" / Kabarettisten liegen mit Schwarz-Weiß-Malerei im Trend der Saison
VON URSULA KOCH

Minden (mt). Wenn die Mindener Stichlinge "Großes Kino" versprechen, dann ist garantiert alles in 3-D, nur eben nicht im großen Saal eines Multiplex, sondern eher im Programmkino.

Auch als Darsteller im Heimatfilm machen Oliver Roth, Rolf Mietke, Kirsten Gerlhof, Anke Simon, Frank Oesterwinter, Guido Niemeyer (von links) und ihr Musiker Dietmar Möller eine gute Figur. MT- | Fotos: Ursula Koch

Actionkino sollte das Publikum bei den Kabarettisten genauso wenig erwarten wie den großen Kostümfilm - was hier auf die Bühne kommt, wechselt von Sozialdrama zu Wirtschaftskrimi, von Politsatire zu Heimatfilm. Statt bequemer Kinosessel zum Zurücklehnen fordert bei der Premiere in Minden die Bestuhlung in der Sparkasse vom Publikum eine aufrechte Haltung. Dafür frotzelt Hausherr Wolfgang Kirschbaum bei der Begrüßung im ersten Mindener Sparkassen-Kino, Saal Hollywood: "Wir hoffen damit die lokalpolitsche Diskussion, ob und wo Minden ein neues Kino will, gelöst zu haben".

Regisseur Birger Hausmann und sein Assistent Jürgen Juchtmann setzen ganz auf ihre bewährte Starbesetzung mit Kirsten Gerlhof, Rolf Mietke, Guido Niemeyer und Oliver Roth. Für die Filmmusik ist wie gewohnt Dietmar Möller - in guter Kintop-Tradition weitgehend am Klavier - zuständig.

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Mit dem Bielefelder Schauspieler Frank Oesterwinter und der Sängerin Anke Simon aus Porta Westfalica haben sie sich zwei neue Sternchen dazugeholt. Oesterwinter zeigt sich wandlungsfähig - als sächselnder Hausmeister der Bildungslandschaft ebenso wie als einfühlsamer Trauerredner für die sterbende FDP. Anke Simon glänzt als singendes Showgirl, wenn sie ganz im Stil des alten Hollywood mit Zylinder und Federboa den "Großen Spender" beschwört.

Anke Simon

Gemeinsam mit den bekannten Stars reisen sie "in 80 Tagen um die Welt" - lösen durch Griechenlands Fusion mit der Türkei und dem Umzug aller Japaner nach Brandenburg mal eben Eurokrise, EU-Erweiterung sowie das Atommüll-Problem im Handumdrehen. Die Rettung des Euro erweist sich selbstverständlich als "Mission Impossible". Hier fehlen allerdings rasante Verfolgungsjagden, dafür weht ein Hauch von "Emergency Room" durch den Saal, wenn Kirsten Gerlhof als Dr. Kupferpfennig zur Tat schreitet.

Ein bisschen Traumschiff ist dabei, ebenso wie Abenteuerfilm und Wochenschau oder Katastrophenfilm. Einige Requisiten müssen genügen. Auf Kulissen verzichtet die Low-Budget-Produktion weitgehend: Vier Leinwände, von der einen Seite Schwarz, von der anderen Weiß, müssen dem Publikum als Projektionsfläche für die eigene Fantasie genügen.

Viele Themen und Genres auf Spielfilmlänge

Die Freunde des Heimatfilms kommen bei Oliver Roth auf ihre Kosten. Der verrät, dass ZOB die Abkürzung für "ziemlicher Optimierungsbedarf" ist und hat Mindens Ground Zero auf dem ehemaligen Klinikumsgelände ausgemacht. Zur Obermarktpassage erzählt er das Märchen einer Brandschutzbegehung durch einen bösen Zauberer. "Minden ist so pleite, dass der Rat demnächst nur noch in griechischen Lokalen tagt und der Bürgermeister lässt sich in Buhropolus umtaufen". Porta habe auch kein Geld und nach der nicht ganz bestandenen Brandschutzübung am Kaiserhof schlägt er die Eingemeindung vor. "Dann liegt das Klinikum endlich wieder in der Stadtmitte".

Dazu gibt es auch magische Momente. Oliver Roth lässt einen Tisch schweben, weil er aber ausgerechnet die Kulturredakteurin als Assistentin auf die Bühne holt, kann die sich nach der ganzen Aufregung partout nicht mehr daran erinnern, worum es inhaltlich ging. Das nennt man Filmriss.

Solche Pannen gab es bei den Stichlingen nicht, allenfalls kleine Überblendungsfehler, die der Premierennervosität geschuldet sind. In einer guten Spielfilmlänge haben sie so viele Themen und Genres untergebracht, dass sich der Zuschauer fühlt, als hätte er ein ganzes Filmfestival erlebt. Da bleiben dann auch nur die Highlights hängen.

Frank Oesterwinter

Mit ihrer Schwarz-Weiß-Malerei liegen die Stichlinge ganz im Trend der Kinosaison (The Artist) und sind damit heiße Anwärter auf einen der großen ostwestfälischen Filmpreise.

Karten gibt es noch für die Auftritte am 19. Februar, 3., 16. und 17. März in der Sparkasse, am 9. und 10. März im Stadttheater bei Express-Ticketservice

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Copyright © Mindener Tageblatt 2012
Dokument erstellt am 05.02.2012 um 22:17:03 Uhr

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