Waren es beim Tourauftakt in Leipzig Handball-Punk Stefan Kretzschmar und Tote-Hosen-Frontmann Campino, die den Brachial-Klängen der Skandalrocker von Rammstein beiwohnten, so sind es beim Zusatzkonzert in Hannover Schauspieler Kai Wiesinger und Kollegin Bettina Zimmermann, die begeistert mitgehen. Und zwar nicht in irgendeiner schicken VIP-Loge, sondern mittendrin - im Stehkarten-Bereich vor der Bühne.
Der Einmarsch der sechs Männer um Mastermind Till Lindemann erfolgt mitten durch das Publikum, einmal quer durch die Arena. Mit Fackelträger voran, marschieren sie maschinell im Takt zu einem Podest in der Mitte des Raums, dann per Stahlbrücke, auf der es zischt und knallt, über die Köpfe der Tausenden auf die Bühne. Dort stehen sie starr - es ist wie ein Einmarsch der Gladiatoren. Gekommen, die 10000 in der Halle zu unterhalten, die verborgensten Lüste der Masse herauszukitzeln, ihre versteckten Fantasien, ihre Verführbarkeit und ihre Massenbegeisterung. Lindemann sowie die Gitarristen Richard Kruspe und Paul Landers, Keyboarder Christian "Flake" Lorenz, Bassist Oliver Riedel und "Dampfhammer" Christoph Schneider am Schlagzeug liefern ein Feuerwerk für Augen und Ohren. Kein Wunder, dass auch für dieses Spektakel die Karten seinerzeit binnen Minuten vergriffen waren.
Die opulente Show bietet im Vergleich zu Vorgängertouren zwar wenig Neues, aber sie ist weiter Weltklasse. Bei "Mein Teil", der musikalischen Verarbeitung des Kannibalen von Rotenburg, muss Keyboarder Flake in einen Kochtopf steigen, der von Sänger und Songschreiber Till Lindemann per Flammenwerfer beheizt wird.
Perversion und Pyrotechnik zur Vier-Viertel-Takt-Musik
Bei "Du hast" fliegen Raketen über das Meer der Zuschauerköpfe, bei "Feuer frei" und dem Einstiegssong "Sonne" machen die hochschießenden Flammen schön warm ums Herz. Während der insgesamt 21 Titel prasseln immer wieder Sprühfontänen auf Bandmitglieder nieder, Feuer- und Leuchtkugelkreise schießen umher, Gitarren brennen und wärmen einem bis hinten in den Saal das Gesicht, Sänger Till Lindemann mit Engelsflügeln auch.
Und neben Pyrotechnik und Perversion? Da sind Rammstein eher unterkomplex. Der Takt ist schön stampfend - und immer im Vier-Viertel-Takt. Die Gitarrenriffs sind brachial, aggressiv - und einfach. Die Texte sind allegorisch - und plakativst. Gemeinsam mit der Show funktioniert diese Mischung in den zwei Stunden wunderbar, sie ist opulent, Energie pur. Einfachheit siegt - und Rammstein rammt.
Seit ihrem ersten Konzert 1994 vor 15 Zuschauern hat die Band die Kunst des wohlkalkulierten Skandals bis in alle dunklen Ecken ausgeleuchtet. Alle bösen Themen beackert, von politischen rechten Anspielungen über pädophile Inzucht und Sodomie bis zu Sadismus und Kannibalismus. Das alles ist mittlerweile als Masche entlarvt, die Band hat ihr Tabubrecher-Image oft genug selbst auf die Schippe genommen. Ihre Faszination auf düster gekleidete und böse wirkend wollende jüngere und ältere Fans, die wie ihre Idole genau das Gegenteil eines Engels verkörpern wollen, ist ungebrochen.