Mindener Verband feiert sein 100-jähriges Bestehen mit einem Konzert der Nordwestdeutschen Philharmonie
Zum Jubiläum hat die Nordwestdeutsche Philharmonie (NWD) Werke von Wolfgang Amadeus Mozart und natürlich Richard Wagner auf die Pulte gelegt. Was Mozart betreffend schon ein wenig verwundert: Denn Wagner war eher ein glühender Verehrer Beethovens. Aber vielleicht hat der Bayreuther doch mehr aus den Opern seines in Salzburg geborenen Kollegen herausgezogen, als er späterhin zugab. Das wiederum spräche dann für diese Werkauswahl. Und dass die Es-Dur-Sinfonie KV 543 einen bedingt festlichen Charakter hat, ist auch nicht zu verleugnen.
Kraftvoll gestaltet Gerard Kim mit der NWD unter der Leitung von Eugene Tzigane "Wotans Abschied und Feuerzauber". MT- | Fotos: Ursula Koch
Schade also, dass Eugene Tzigane mit der trotz kleiner Koordinationsschwierigkeiten sauber musizierenden "Nordwestdeutschen" über das Stück glatt hinweg dirigiert. Mit flottem Schritt in den Ecksätzen, zügig voraneilend im Andante con moto und seltsam unentschlossen durch das Menuett: Dass hier eines der imposantesten Meisterwerke Mozarts erklingt, ist nur stellenweise zu erahnen.
Und warum die Exposition im Schlusssatz wiederholt wird, im Eingangs-Allegro aber auf der Strecke bleibt, ist ebenfalls unverständlich. Aber gängige (wenn auch durch nichts zu begründende) Praxis, die auch von Dirigenten angewandt wird, die auf der Karriereleiter weit höher als Eugene Tzigane geklettert sind.
Wagner macht es da den Beteiligten leichter. Der zweite Konzertteil ist entsprechend hochklassiger, ergreift tiefer und erzeugt in manchen Augenblicken genau jenes "Gänsehaut"-Gefühl, für die Wagners Musik berühmt und zugleich berüchtigt ist. So im Meistersinger-Vorspiel, das Eugene Tzigane mit einem Hang zu schleppenden Tempi angeht, aber ab der Stückmitte - wenn die kontrapunktischen Verschlingungen beginnen - zu wunderbarer Geschlossenheit führt und auch mit einem musikalischen Steigerungsmoment versieht, welches nicht von der dynamischen Entwicklung herrührt, sondern aus dem inneren Erleben dieser Musik heraus entwickelt wird.
NWD kann sich in Sachen Wagner mit Besten messen
"Wotans Abschied und Feuerzauber" aus "Die Walküre" als zweite Geburtstagsgabe des "Meisters" aus Bayreuth lebt dann von der kraftvollen sängerischen Gestaltung durch Gerard Kim. Leicht hat es der gebürtige Koreaner nicht, sich gegen die Orchesterfluten durchzusetzen, aber sein beeindruckendes Material erlaubt ihm trotzdem gestalterische Feinheiten. Und das Orchester setzt magische Akzente in jenen beiden Überleitungen, die die Schlaflegung Brünnhildes und Wotans Abgang musikalisch herzzerreißend schildern. Ebenso eindringlich der Feuerzauber: da zeigt die NWD, wie wenig sie den besten Orchestern der Branche in Sachen Wagner nachsteht.
Der Walkürenritt schließt sich an: Dramaturgische Feingeister könnten monieren, dass hier die Reihenfolge (Finale ist vor den Aktanfang gestellt) nicht stimme, auch dass das tendenziell plumpere Stück auf einen der innigsten Momente der Wagnerschen Musik folgt. Doch weil Eugene Tzigane nobel und ohne vordergründige Aufdringlichkeit spielen lässt, verstummt solcherart Kritik schnell.
Und als die Zugabe (Vorspiel zum dritten Akt "Lohengrin") mit Biss und einem "elan vital", der Wagner wahrscheinlich gefallen hätte, angestimmt wird, ist ohnehin die Stimmung nicht zu bremsen. Jetzt möchte man am liebsten weitermachen, kreuz und quer durch die Musik Wagners stöbern. Doch auch ein Festkonzert hat ein Ende. Ausgiebiger Beifall.