Enge Bindung zu Bayreuth hat lange Tradition / 1878 wurde an der Weser ein erster Wagner-Verein gegründet
VON UDO STEPHAN KÖHNE
Minden (usk). Ein gebürtiger Mindener unterrichtet Richard Wagner im Geigenspiel: Streng genommen beginnt damit alles. 1830 gibt Robert Sipp (ein Mitglied des Gewandhausorchesters) in Leipzig dem 17-jährigen Wagner Unterricht auf der Violine. Ohne Erfolg allerdings: "Er war mein schlechtester Schüler", wird Sipp in seinen "Erinnerungen" festhalten. So der missglückte Anfang einer großen Liebe.
Der erfolgreichen Komponistenlaufbahn sollte dieser frühe Zwischenfall bekanntlich nicht im Wege stehen. Und der Beziehung zwischen Minden und Bayreuth ebenfalls nicht. Den ersten Bayreuther Festspielen 1876 wohnten mit Gustav Bruns, Max Jardon und Wilhelm Küster mindestens drei Mindener bei. Und zwei Jahre später bricht sich die ostwestfälische Wagner-Begeisterung dann in der Gründung eines "Wagner Vereins Minden" Bahn, der am 9. März 1878 auf Anregung von Dr. med. Peter Druffel aus der Taufe gehoben wird und dessen Wichtigkeit (und finanzielle Großzügigkeit, wie zu vermuten ist) durch die Anbringung des Ortsnamens Minden in der Villa Wahnfried bestätigt wird.
Vier Jahre lang sind diese Pioniere der Mindener Wagner-Bewegung aktiv, dann verliert sich die Spur dieses Vereins. Nicht aber die Euphorie für das Werk des Bayreuther Meisters: So verlegt Gustav Bruns 1884 eine Schrift, die über "Die Bedeutung des Wagner'schen Parsifal in und für unsere Zeit" räsonniert.
1912 entsteht der heutige Wagner-Verband: Sommertags wird im Fischerglacis 25 die Ortsgruppe Minden des "Richard Wagner Verbandes deutscher Frauen" gegründet, der sich seit 1909 in verschiedenen Städten formiert. Zwölf Damen folgen in Minden dem Aufruf und wählen die Klavierlehrerin Emma Schmiedt zu ihrer ersten Vorsitzenden.
1919 übernimmt Eugenie Hoppe die Führung und wird dem Mindener Verband (mit Unterbrechung von 1945 bis 1951) bis 1958 vorstehen. In dieser Zeit wird Minden zu einer wichtigen Stütze des Gesamtverbandes: Drei Mal (1935, 1952 und 1968) wird die Jahrestagung an die Weser geholt. Unter Hoppe tritt der Wagner Verband aktiv in das kulturelle Leben der Stadt Minden ein. Es entstehen enge persönliche Bindungen zu Siegfried und Winifred Wagner, die in persönlichen Briefen nachzuvollziehen sind.
1958 tritt dann Hoppes Tochter Gerda Hartmann für 30 Jahre in die Fußstapfen ihrer Mutter. Sie hält die privaten Kontakte nach Bayreuth aufrecht, vertieft das musikalische Angebot, holt für Festkonzerte Sängerinnen wie Anja Silja und Martha Mödl nach Minden.
Zum 75-jährigen Bestehen des Mindener Verbandes kommen 1987 Wolfgang und Verena Wagner an die Weser; letztere wird bei dieser Gelegenheit mit der Ehrenmitgliedschaft ausgezeichnet. Als 1988 Annette Strothmann die Führung übernimmt, beginnt der Aufbruch in die Gegenwart. Der Verein wirbt intensiv um neue Mitglieder und kümmert sich konsequent um die Pflege des musikalischen Nachwuchses. 1992 zieht ein mehrtägiger, von Mindener Verband organisierter Gesangswettbewerb die Blicke der Öffentlichkeit dann nach Minden.
Mit Jutta Hering-Winckler nimmt 1999 die fünfte Vorsitzende das Zepter der heimischen Wagner-Begeisterung in die Hand. Sie gebiert schon kurz nach Amtsantritt die Idee, mit selbst produzierten Wagner-Opern (vier Inszenierungen zwischen 2002 und 2012) im Mindener Stadttheater gerade der Jugend die Musik Wagners nahezubringen. Unter ihrem Verbandsvorsitz wird Professionalität und Mitgliederzahl (aktuell 330) noch einmal gesteigert: Der Mindener Richard Wagner Verband festigt damit zugleich seine Rolle als wichtiger Gestalter des kulturellen Lebens in Minden.
Fakten zum Richard Wagner Verband
1912 Gründung des Mindener Richard Wagner Verbandes deutscher Frauen
1919 Eugenie Hoppe wird Vorsitzende und knüpft enge Kontakte zur Festspielleitung in Bayreuth (Siegfried und Winifred Wagner)
1921 Der Mindener Verband tritt nach dem Ersten Weltkrieg wieder mit Konzerten an die Öffentlichkeit
1935 Erstmals trifft sich der Gesamtverband zur Jahrestagung in Minden
1945 Die Wagner-Verbände müssen auf Druck der Alliierten ihre Arbeit einstellen
1949 Wiederzulassung des Ortsverbandes Minden durch die Kreisverwaltung; Magda Kaßpohl wird Vorsitzende
1951 Eugenie Hoppe kann nach ihrer Entnazifizierung wieder den Vorsitz übernehmen
1958 Gerda Hartmann wird Vorsitzende
1987 Zum 75-jährigen Bestehen wird Wagner-Enkelin Verena Lafferentz die Ehrenmitgliedschaft zuerkannt
1988 Annette Strothmann übernimmt den Vorsitz
1992 Wettbewerb für Nachwuchssänger zum 80-jährigen Bestehen
1999 Jutta Hering-Winckler wird zur ersten Vorsitzenden gewählt
2002 Der Mindener Verband produziert mit dem "Fliegenden Holländer" seine erste Oper
2012 Das Jubiläum wird mit Konzerten, einer Vortragsreihe und der Eigenproduktion "Tristan und Isolde" gefeiert (usk)
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