Nordwestdeutsche Philharmonie spielt soliden Tschaikowsky und aufregenden Strawinsky
Denn sowohl Peter Tschaikowsky als auch Igor Strawinsky hatten noch nicht ihr drittes Lebensjahrzehnt vollendet, als der eine seine erste Sinfonie schrieb und der andere das musikalisch aufreizende Petruschka-Ballett vertonte. Aus der Konfrontation beider Kompositionen durch eine in guter Form aufspielende Nordwestdeutsche Philharmonie ging letztlich Strawinsky als Sieger hervor.
Dessen Petruschka ist eben um einiges genialer als das, was Tschaikowsky im gleichen Alter vollbrachte. Während dieser noch hörbar mit der sinfonischen Form experimentiert, ist Strawinsky bereits auf der Stufe höchster Meisterschaft angekommen und sprengt nicht nur die tradierte Form, sondern zugleich die Tür zu einem neuen musikalischen Zeitalter auf.
Aber auch Tschaikowsky versucht, die Form zu beleben. In der ersten Sinfonie etwa verblüfft, dass die langsame Einleitung des Schlusssatzes in der Reprise anstelle des zweiten Themas auftaucht; trotzdem will diese Art sinfonischer Kreativität nicht so recht überzeugen. Auch im langsamen Satz wird etwas zu beharrlich auf dem lyrischen Einfall herumgetreten, der den Satz melodisch entscheidend bestimmt. Und im einleitenden Allegro tranquillo findet der Komponist nur gequält aus der Durchführung in die Reprise zurück: An solchen Stellen wird spürbar, worin der Unterschied zwischen Talent und Genialität (die sich ab der vierten Sinfonie ungehemmt ausbreiten konnte) liegt.
Fokus auf Modernität von Strawinskys Musik gelegt
Die Nordwestdeutsche Philharmonie tat sich anfangs schwer, die g-moll-Sinfonie op. 13 in den Griff zu bekommen: Zu viele instrumentale Unsauberkeiten störten das Klangbild, das Dirigent Paul Mann erfrischend schlank hielt. Kein dickes Auftragen der russischen Pathetik, sondern konzises Musizieren der motivischen Substanz wurde geleistet. Damit konnten die Schwächen der Komposition zwar nicht überspielt werden, doch Tschaikowsky hatte auf diese Weise etwas sympathisch Unaufgeregtes.
Unverkrampft auch die Herangehensweise an Igor Strawinskys "Petruschka". Dirigent Paul Mann und die Nordwestdeutsche Philharmonie fanden hier zu einem beeindruckenden Klangspiel zusammen. Natürlich waren kleine instrumentale Betriebsunfälle zu beklagen: Aber Strawinsky verlangt den Orchestersolisten auch alles ab. Insofern hochanständig, wie sich das Orchester aus der Affäre zog und diese Herkulesaufgabe anging. Es gelang, eine Sogwirkung herzustellen; und man lieferte sich dieser provozierend direkten Theatermusik aus, ging furchtlos die banalen musikalischen Jahrmarktszitate an.
Sicherlich beklagenswert, dass die optische Komponente fehlte, ist doch diese Musik detailgenau auf Szenenwirkung angelegt. So jedoch wurde der Fokus vollständig auf die Modernität von Strawinskys Musik gelenkt: auf ihre ungebändigte Fantasie, die entfesselte Rhythmik, eine überragende Klangsinnlichkeit. Am Ende war dieses Konzept aufgegangen, der Beifall lang anhaltend und stürmisch.