Während sich in Wolfgang Amadeus Mozarts "Hochzeit des Figaro" die Handlungsstränge nämlich derart überschneiden, dass selbst gewiefte Operngänger den Überblick verlieren, ist in Richard Wagners "Tristan und Isolde" (nimmt man nur die äußere Handlung) alles ziemlich einfach. Doch darüber wird im Spätsommer zu reden sein.
Jetzt galt die Aufmerksamkeit Mozarts "Figaro" in einer quirligen Produktion des Landestheaters Detmold. Was die Lipper in der Regie von Hinrich Horstkotte und unter der musikalischen Leitung von Erich Wächter dabei auf die Mindener Bühne bringen, kann sich sehen und hören lassen. Aber auch nur dann, wenn man erlebte Vergleichsproduktionen für einen Abend lang aus dem Gedächtnis verbannt.
Denn in der bühnenbildnerisch durchaus bunten Inszenierung geht es vor allem komisch zu; "Figaros Hochzeit" wird als Buffa-Oper und nicht als Drama verstanden. Das könnte ein tragbarer Ansatz sein, wenn er denn eine szenische glaubwürdige Aufbereitung erführe. Aber die Detmolder treiben den Spaß auf die Spitze und noch darüber hinaus; und so erreicht manche Szene (Wiedererkennung Figaros durch Marcellina) eher das Niveau einer TV-Comedy als wirkliches Opernformat. Dazu die dauerverwirrte Miene des Grafen, der zu allem Überfluss noch durch die Szene rennt, als befände er sich in der falschen Vorstellung: Man kann diese Oper geistreicher inszenieren und mit subtilerem Witz - und das alles gekonnter spielen.
Verschenkt auch die Schlussszene im nächtlichen Garten: Auch diese kann theatergerechter auf die Bühne gebracht werden. Angesichts des Forcierens szenischer Witzigkeit ist die Verblüffung groß, wenn das Happy-End in letzter Sekunde doch noch infrage gestellt wird. "Alle zufrieden?" fragt das Ensemble, während Mozarts Musik übrigens mit "Nein" antwortet.
Dirigent betont große Linie und schönen Klang
Überhaupt die Musik. Sie kommt unspektakulär und ohne jede Extreme aus dem Orchestergraben. Erich Wächter ist ein sachdienlicher Verwalter der mozartschen Partitur, ein Souverän der großen Linie und des schönen Klangs. Die Sänger bilden ein zufriedenstellendes Ensemble.
Dass bei den Damen Gräfin (Marianne Kienbaum-Nasrawi) und Cherubino (Britta Strege) gesanglich blasser bleiben als gewünscht, aber Susanna (Catalina Bertucci) und Barbarina (Sarah Davidovic) feine Porträts abliefern, ist im Sinne der vokalen Ausgeglichenheit schade. Die männlichen Stimmen haben im robusten Almaviva (Andreas Jören) und im durchdringenden Bartolo (Dirk Aleschus) ihre besten Vertreter, während Figaro (Bryan Boyce) bis zum vierten Akt braucht, um musikalisch überzeugenden Anschluss zu finden.
Raffinierte Idee, die Cembalo-Rezitative mit Überleitungen aus der Musikgeschichte zu schmücken. Gewiss ein Zufall, dass auf diese Weise ein kurzer Hauch der nächsten Mindener Oper durch das Theater weht. Als sich Cherubino und Barbarina küssen, erklingt nämlich der Tristan-Akkord: Eine Blitz-Begegnung zweier der größten musikdramatischen Schöpfungen. Am Ende starker Beifall für die Detmolder Leistung.
wir bitten um Entschuldigung, das Ihnen fälschlicherweise die Rolle des Figaros zuerkannt wurde. In diesem Fall hat wohl die Pressestelle des Landestheaters für Verwirrung gesorgt. Auf unsere Bitte hin, ein Foto zur Aufführung in Minden zwecks Berichterstattung zu schicken, sendete man uns dieses Bild mit ihrem Namen zu.
Mit freundlichen Grüßen,
Jan Henning Rogge, MT-Online