Barry Koskys "Götterdämmerung" bietet spektakuläre Bilder / Hannovers "Ring" vollendet
Erfreulich tönt es aus dem Orchestergraben: Der scheidende Generalmusikdirektor Wolfgang Bozic feuert in seiner letzten Premiere das Niedersächsische Staatsorchester zur Höchstleistung an. Angeführt von fulminaten Blechbläsern, spielen alle Orchestergruppen auf einem Niveau, das man sich auch wünscht, wenn nicht die Augen der Wagner-Welt in Premieren-Stimmung auf Hannover gerichtet sind und der NDR live im Radio überträgt.
Das Sängerensemble wird dominiert vom Hagen Albert Pesendorfers, der in seiner Bassgewalt von der ersten Sekunde seines Auftritts an nicht an seinem Führungsanspruch zweifeln lässt. Das Hauptdarsteller-Paar Brünnhilde-Siegfried, Brigitte Hahn und Robert Künzli, schlägt sich wacker durch die kräftezehrende Partie und überzeugt vor allem im ersten Akt, der auch darstellerisch zu einem der stärksten Momente dieser Inszenierung gehört. Teils edel, was in den Nebenrollen geboten wird: Die Waltraute von Monika Walerowicz und der Gunther von Brian Davis beglücken sängerisch wie darstellerisch, kaum weniger überzeugend Kelly God als Gutrune. Alberich (Frank Schneiders), die Nornen und die Rheintöchter fallen da nicht aus dem Rahmen. Insgesamt eine tolle Leistung des Ensembles der Staatsoper. Stimmstark die Männer vom Opern- und Extrachor, wenn auch die rhythmische Balance mit dem Orchester hin und wieder etwas wackelte.
Zu diskutieren bleibt, warum der dank Tarnkappe in Gunther verwandelte Siegfried tatsächlich vom Darsteller des Gunther gesungen wird; wenngleich diese Idee dramaturgisch gut umgesetzt wurde und der Szene mehr Glaubwürdigkeit verleiht, als wenn Siegfried plötzlich in Baritonlage singt.
Kosky bedient sich an Versatzstücken aus den ersten drei Werken. So taucht der Pappkarton wieder als Gestaltungsmittel auf. In ihm lässt Kosky schon das Rheingold in gleichnamiger Oper abtransportieren. In der Götterdämmerung wird hineingesteckt, wer sich nicht mehr wehren kann. Der sterbende Siegfried kriecht gar willfährig selbst in die Kiste. Und auch Hagens Mannen, kahl geschorene Hooligans, klettern aus einem überdimensionalen Kasten.
Vorwegnahme in Essen die Krux für Hannover?
Koskys "Götterdämmerung" ist in erster Linie ein kurzweiliger Bilderreigen. Immerhin weiß der Regisseur die vergleichsweise große Zahl der Darsteller geschickt in Szene zu setzen; das liegt ihm mehr, als die kammerspielartigen Momente in "Walküre" und "Siegfried".
Der dritte Akt ist schließlich ein buntes Panoptikum, das viel Raum für Assoziationen und individuelle Sinnsuche bietet: Super-Siegfried und Rhein-Revue, antisemitische Juden-Karikatur, Germanentum, blutüberströmte Helden mit Pickelhaube und Rechtsradikale in Springerstiefeln, dazu noch plakative sexuelle Andeutungen auf der Suche nach der Provokation. Und schließlich schlurft die greise Göttin Erda ein ums andere Mal nackt über die Szene. Sie ist Koskys Leitmotiv, das sich durch alle vier Opern zieht, auch wenn sie Wagner in der "Götterdämmerung" nicht vorgesehen hat. Das ist alles mal mehr und mal minder kurzweilig anzuschauen, lässt aber einen roten Faden vermissen.
Vielleicht liegt die Krux des Hannoveraner Kosky Ringes aber auch in Essen. Dort, wo der Ring von vier Regisseuren auf die Bühne gebracht wurde, hatte diese "Götterdämmerung" bereits im September 2010 Premiere. Warum sich die Beteiligten auf eine solche Vorwegnahme eingelassen haben, kann hier nicht diskutiert werden. Aber man darf die Frage aufwerfen, ob eines der größten musikdramatischen Werke nicht die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner künstlerisch Verantwortlichen erfahren muss und ob die Entwicklung eines kompletten Hannoveraner Rings vor dem Hintergrund einer eventuell bereits zuvor konzipierten Essener "Götterdämmerung" gelingen konnte.