Bernd Giesekings "Die Farbe des Wassers" großartig in Szene gesetzt / Eindrucksvolle Uraufführung im Stadttheater
Drei Stege überspannen die Bühne. Sie sind abstraktes Sinnbild (entworfen von dem Architekten Hans-Peter Korth) sowohl für das Schiff als auch für die arktische Landschaft. Denn das Theaterstück des in Kutenhausen geborenen Autors und Kabarettisten handelt von der ersten Arktisreise im Jahr 1883/84 des in Minden geborenen Wissenschaftlers Franz Boas, der später zum Begründer der modernen Anthropologie in den USA wurde.
In 20 Szenen erzählt Gieseking von dieser Reise in eine fremde Welt, von der Suche nach Erkenntnisgewinn des einen Reisenden - Franz Boas - und von seinem Diener Wilhelm Weike, der ganz unbefangen der Kultur der Inuit begegnet. Auf seiner Reise gewinnt Boas die Erkenntnis, dass keine Kultur der anderen überlegen ist, sondern alle Kulturen gleichberechtigt sind. Damit ist dieses Schauspiel hochaktuell, bezieht die Gegenposition zu den Sarrazin-Thesen. Gleichzeitig aber bleibt das Verhältnis von Boas zu Weike immer das des Herrn zum Diener.
Die Inszenierung von Holger Müller-Brandes mischt traditionelle Formen des Theaters mit surrealen Momenten und vor allem nutzt sie Musik, geschrieben von dem Berliner Improvisations-Musiker Hermann Keller, um Stimmungen zu erzeugen. An zwei Flügeln spielt Keller mal harmonische, mal dissonante Klänge, die das Publikum die Kälte der Arktis nahezu körperlich spüren lassen. Keller ist damit, gelegentlich von Ilka Vierkant am Akkordeon unterstützt, der heimliche Dreh- und Angelpunkt der Regie.
Die Handlung beginnt mit einem Disput von Franz Boas mit seinem Vater Meier Boas (gespielt von Jürgen Morche), der den Sinn dieser Reise zunächst nicht einsehen will. Ganz kurz wird in diesem Streit der deutsche Antisemitismus angerissen. Als der Vater erkennen muss, dass er seinen Sohn von diesem Vorhaben nicht abbringen kann, versucht er seinem Hausangestellten Wilhelm Weike zunächst mit der Aussicht auf Abenteuer zu ködern, um seinem Sohn einen "patenten Kerl" zur Seite zu stellen. Doch erst die Aussicht auf doppelten Lohn kann Weike umstimmen.
Spannendes und anrührendes Theater
Diese sehr verschiedenen Reisegefährten werden von Sebastian Straub als Franz Boas und Markus Streubel als Wilhelm Weike sehr überzeugend dargestellt. Straub verkörpert den ehrgeizigen Forscher, der sich seinen Platz in der Wissenschaft erkämpfen will und Weike mit einer Spur Herablassung begegnet. Streubel zeichnet Weike als Typen, der überall seinen Platz findet, an Bord genauso nützlich ist, wie als wissenschaftlicher Assistent. Er begegnet den Inuit ganz unvoreingenommen, spielt und jagt mit ihnen, findet in der Arktis schließlich eine Liebe und will gar nicht wieder zurück nach Deutschland.
Straub und Streubel sind es, die gemeinsam mit Ilka Vierkant als Schamane Napitak, als mythische Figur Ssedna und als Weikes Retterin und Geliebte Tookavay die Handlung des Stücks tragen. Evamaria Keding spielt Marie Krakowizer, die Verlobte und spätere Ehefrau von Franz Boas, die ihm auf seiner Reise in Träumen immer wieder begegnet. Hermann Keller verleiht dazu dem Inuk Ocheitu eine Stimme, ohne dabei seinen Platz zwischen den beiden Flügeln zu verlassen.
In New York erhalten Franz und Marie Boas (Evamaria Keding) die Nachricht vom Tod Wilhelm Weikes.
Betont schlicht hat Karen Friedrich-Kohlhagen die Kostüme mit zwei Ausnahmen gestaltet: Für die mythische Figur Ssedna entwarf sie ein Kleid aus Fischhäuten, dessen Form an die Gestalt von Nixen erinnert, den Schamanen Napitak stattet sie mit einem Pelzumhang, wilder Perücke und Augenbinde aus. Mit seiner Lichtgestaltung erzeugt Michael Kohlhagen immer wieder neue, stimmige Bilder, etwa wenn er während der Wanderung durch die Arktis, bei der Boas und Weike zu erfrieren drohen, in gleißend weißes Licht taucht, über dem ein Schimmer Blau schwebt.
Regie, Schauspiel, Musik und Text verbinden sich zu einem stimmigen Ganzen. Das Publikum erlebt einen anregenden, spannenden und auch anrührenden Theaterabend, der zwar ein historisches Ereignis behandelt, aber zugleich viele Bezüge in die Gegenwart aufweist. Großartig.
Weitere Aufführungen: 25., 26. 28., 29. Oktober und 6. November jeweils um 20 Uhr sowie 7. November um 18 Uhr, Stadttheater Minden; Karten bei Express-Tickets (Obermarktstr. 28-30) und an der Abendkasse.
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