Woche der Brüderlichkeit: Prof. Diethard Aschoff über Juden in Westfalen im Mittelalter
Im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit gab Prof. Aschoff auf Einladung des Mindener Geschichtsvereins, des Evangelischen Erwachsenenbildungswerkes und des Katholischen Bildungswerkes im Haus am Dom einen Einblick in die gemeinsame Geschichte von Deutschen und Juden in Westfalen im Mittelalter.
Die These des Amerikanischen Historikers Daniel Goldhagen, der Judenhass liege den Deutschen sozusagen im Blut, finde, so Aschoff, in der historischen Forschung keine Zustimmung mehr. In Deutschland habe es nicht nur Judenhass und Verfolgung gegeben, sondern auch Zeiten eines fruchtbaren Miteinanders: In keinem anderen Land Europas hätten die Juden so viel zu Kultur und Wissenschaft beigetragen wie in Deutschland.
Bis ins 11. Jahrhundert seien die Juden aufgrund ihrer bis in die Antike zurückreichenden Erfahrungen und Verbindungen führend, die christlichen Kaufleute eher "Juniorpartner" im Fernhandel gewesen. Die Juden hätten in Städten wie Mainz und Köln zur wirtschaftlichen und kulturellen Oberschicht gehört und Häuser in den besten Wohngebieten besessen. Seitens der damaligen Machthaber seien ihnen Schutz und Privilegien zuteilgeworden, weil sie die wirtschaftliche Entwicklung der Städte und damit auch das Steueraufkommen positiv beeinflusst hätten.
Kreuzfahrern mit der Waffe entgegengetreten
Als es 1096 anlässlich des ersten Kreuzzuges zu Massakern an den Juden gekommen sei und die Landesherren sie nicht hätten schützen können, hätten sich Angehörige der christlichen Oberschicht in den Städten - sicher Kaufleute - z. T. den Kreuzfahrern mit der Waffe in der Hand entgegengestellt, wenn diese ihre jüdischen Nachbarn bedroht hätten. Die Juden seien damals vor die Alternative gestellt worden, sich taufen zu lassen oder umgebracht zu werden. Um nicht von ihrem Glauben ablassen zu müssen, seien Juden wie der Kölner Kaufmann Mar Schemarja bereit gewesen, ins Exil zu gehen oder in ausweglosen Situationen ihre Familien und sich selbst zu töten.
Jüdischer und christlicher Glaube hätten damals in unversöhnlichem Gegensatz zueinander gestanden: Für gläubige Juden wie Mar Schemarja sei der christliche Gott nicht ihr Gott gewesen. Trotzdem habe es Übertritte zwischen jüdischem und christlichem Glauben gegeben. So sei der zweite namentlich bekannte Jude in Westfalen, Juda ben David Halewi, Christ und schließlich Mönch und Propst eines Stifts geworden.
Juden seien - außer in Dortmund, der damals einzigen freien Reichsstadt Westfalens - erst zwischen 1250 und 1350 in größerer Zahl in Westfalen ansässig geworden. Jüdische Gemeinden habe es damals nur in Dortmund, Münster, Minden, Osnabrück und vermutlich in Soest gegeben. Von ihren Berufen in dieser Zeit weiß man nur, dass sie in Geldgeschäften tätig waren.
Insgesamt sei das Judenbild in der deutschen Bevölkerung seit dem 12. Jahrhundert immer negativer geworden. Man habe ihnen Hostienfrevel und - vor allem im Zusammenhang mit dem Ausbruch der Pest 1348 - Brunnenvergiftung vorgeworfen und habe sie deshalb verfolgt und getötet. Die Diskriminierung der im 15. Jahrhundert praktisch überall wirtschaftlich ruinierten und von der Ausweisung bedrohten Juden zeige sich, so Aschoff, auch in der unterschiedlichen Art, wie man ertappte christliche und jüdische Diebe hinrichtete: Während ein christlicher Dieb am Hals aufgehängt wurde, sei ein jüdischer Dieb 1486 in Dortmund zwischen zwei Hunden mit dem Kopf nach unten aufgehängt worden, um ihn noch im Tod zu entwürdigen.
Schon seit dem Laterankonzil 1215 habe die Kirche Druck ausgeübt, Andersgläubige - insbesondere Juden - durch ihre Kleidung kenntlich zu machen und auszugrenzen. Von da aus zog Aschoff eine Parallele zu der Kennzeichnungspflicht der Juden im Dritten Reich durch den Judenstern.