In einer kleinen Nebenstraße schneidet die Weser den Anwohnern seit einer Woche den Weg ab / Organisationstalente
VON HARTMUT NOLTE
Porta Westfalica (mt). Kerstin Hardt wohnt an der Kalten Hude in Neesen. Normalerweise eine wunderschöne Lage mit Blick auf den Wilhelm und die Weser vor der Haustür. Doch im Moment behagt ihr das weniger, die Weser steht nämlich tatsächlich fast an der Haustür und automäßig hat das Hochwasser die Kalte Hude von der Außenwelt abgeschnitten.
"Nein, gewöhnen kann man sich daran nicht, aber machen kann man ja auch nichts", sagt die junge Frau, die mit ihrem Mann vor zwölf Jahren hier ein Haus gebaut hat. Sie kennt als Neesenerin vom Geistgarten die "Wasserspiele der Natur" hier am Fluss, hat 2003 schon hier angstvoll geschaut, wie hoch das Wasser wohl steigt.
Jetzt, bei 6,33 Meter Maximum auf der Anzeige am Pegel Porta, der Luftlinie nur wenige Hundert Meter entfernt ist, schwappen die leichten Weserwellen auf das Grundstück. Ihr Auto haben die Hardts seit vergangenem Montag nicht mehr benutzen können, obwohl es ein geländegängiges Fahrzeug ist: Sie kommen nicht mehr vom Hof. Zum Einkaufen geht es durch die Gärten hinten raus zur Hausberger Straße. Das macht schon manchmal Probleme, wenn schwere Getränkekisten zu schleppen sind. Aber "an der Kalten Hude hilft einer dem anderen, wir sind wassererprobt", sagte Sigrid Gottschalk.
Sie hat in diesen Tagen in ihrem Haus Kalte Hude 4 eine besondere Aufgabe übernommen, wenn das Hochwasser kommt. Sie ist dann Postverteilstelle. Monika Beyer, die richtige Zustellerin, kommt ja auch nicht mehr an die Hausbriefkästen. Seit Montag können sich die Hardts, Störtländers, Beckers und Schuhmachers ihre Post abholen, manchmal nimmt jemand gleich die Briefe für die Nachbarn mit. "Das klappt problemlos," sagen alle. Auch bei der Zeitung ist Sigrid Gottschalk die Botin auf den letzten Metern. "Die Zustellerin lädt sie bei mir ab, und an den Gartenzäunen hängen Plastiktüten. Das klappt alles, wenn auch das MT so ein ein bisschen später kommt."
Sigrid Gottschalk, obwohl hochwassererfahren, gibt zu, dass sie diesmal einen Fehler gemacht hat. Sie hatte ihren Wagen in der Garage stehen lassen, als die braune Flut "an ihre Haustür klopfte". Jetzt wird sie von ihrem Sohn gefahren oder Nachbarn nehmen sie mit. Der Kontakt untereinander ist an der Kalten Hude ohnehin stark. "Jetzt, da man sich braucht, halten wir noch mehr zusammen", sagt Sigrid Gottschalk. Um ihr Auto muss sie sich keine Sorgen machen: "Unser Opa hat die Garage gleich höher bauen lassen."
Nils Störtländer, auch schon seit einem guten Vierteljahrhundert Kalte-Hude-Anwohner, hat rechtzeitig Mobilitätsvorsorge getroffen. Er hat sein Fahrzeug an hochwassersicherer Stelle bei Freunden untergestellt.
Störtländer kennt die Weser genau: "Wenn sie über die Wiese hinweg gestiegen ist und fast an die Straße schwappt, sind es noch drei bis vier Stunden, dann ist sie auf dem Grundstück." Er weiß auch, wann sie wieder geht: "Vielleicht am Wochenende können wir wieder über die Kalte Hude aus unseren Häusern." Und dann steht das große Aufräumen an, denn nicht nur das mitgebrachte Treibgut lädt der zurückgehende Strom ab. "Die Straße wird dann von einer Schicht aus dickem, zähen Lehm bedeckt", sagt Störtländer. Dagibt es reichlich zu tun. Aber gemeinsames Aufräumen mündet dann auch wohl in einer gemeinsamen kleinen "Hochwasser"-Abschiedsfete".
"Irgendwann geht die Weser wieder und dann ist es wieder richtig schön, hier an der Kalten Hude", sagt Sigrid Gottschalk stellvertretend für alle Bewohner der kleinen Nebenstraße in Neesen. Den schönen Blick nach drüben, nach Barkhausen zum Kaiser Wilhelm hat sie an diesen sonnigen Sonntagnachmittag zwar auch, aber über ein breites Wasser.
Aber auch solche Anblicke haben ihren Reiz, den viele Menschen gestern genossen. Ob in Holtrup oder am Großen Weserbogen. Mit "Kind und Kegel", sprich Hund spazierten viele am Wasserrand entlang. Schließlich gibt es so etwas nicht alle Tage. Gottseidank nicht, sagt man auch an der Kalten Hude.
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