Schweinegrippe-Impfaktion läuft nur schleppend an / Terminlisten in Arztpraxen / Vermehrte Nachfrage
Eines ist sicher: die zweite Welle der Schweinegrippe kommt auch in den Kreis Minden-Lübbecke, aber wann und wie stark ist noch offen. Entsprechend groß ist bei der Bevölkerung die Verunsicherung: Lasse ich mich impfen oder nicht? Mediziner und Verantwortliche in Behörden und Politik raten dringend dazu, damit aus der Welle kein Grippen-Tsunami wird. Aber so langsam wie die neue Welle in Deutschland zunimmt, so wächst auch die Impfbereitschaft kaum.
Massenaktionen zum groß angekündigten Start des Impf-Abwehrkampfes gegen den A/H1N1 genannten Erreger, der zur Weltgesundheitsgefahr erklärten Infektionsseuche, gab es gestern nicht.
Logistisch alles in trockenen Tüchern
Logistisch scheint alles im Mühlenkreis in trockenen Tüchern zu sein, wie Dr. Peter Witte, Leiter des Kreisgesundheitsamts berichtet: Ausreichend Impfstoff liegt bereit und kann von den teilnehmenden Ärzten über den Kreis angefordert werden, die beteiligten Apotheken liefern dann direkt an die Arztpraxen.
Zu denen sind bis gestern drei weitere gekommen, berichtet Witte. Die Meinungsänderung der Mediziner führt er auf die wachsende Nachfrage der Patienten zurück. "Fragen gibt es mehr, aber zum nächsten Schritt, sich auch impfen zu lassen, ist es oft noch weit", wird aus der Praxis Dr. Schulz-Ruthenberg berichtet. "Viel Beratung am Telefon", heißt es aus der Praxis des Kinderarztes Dr. Wolschner. Aber geimpft wird später.
Die erste, die sich die Spitze mit Pandemrix am Montag um 7.15 Uhr setzen ließ, war Sonja Engelke, Moderatorin bei Radio Westfalica. Und das vor den Ohren ihrer Hörerschar: "Dr. Kühne war so schnell mit dem Stich in den Oberarm, ich war noch gar nicht richtig auf den Piks eingestellt. Da habe ich ein bischen gequiekt", berichtet sie dem MT. Kühne hat die neun restlichen Spritzenfüllungen der ersten Impfdose, die im Kreis geöffnet wurde, nicht vernichtet sondern gleich am ersten Tag impfwilligen Patienten gespritzt.
Pilot-Patientin Engelke berichtet, dass drei Stunden später Nebenwirkungen eingesetzt haben. Von "leichten Schmerzen in den Armen und ein wenig Schwindelgefühl", erzählt sie. Kopfschmerzen habe sie nicht bekommen.
"Nebenwirkungen werden überbewertet"
"Die geringfügigen Nebenwirkungen sind kein Vergleich mit dem, was die Schweinegrippe auslöst", versuchen die meisten Mediziner Überzeugungsarbeit zu leisten. "Die Nebenwirkungen werden von den unschlüssigen Patienten oft überbewertet", sieht Dr. Helmut Wolschner darin einen Hauptgrund für die noch herrschende Impfmüdigkeit in Deutschland."Das hat sich in den letzten Tagen geändert", wird aus der Praxis von Dr. Bodo Heier berichtet. "Der dritte Tote mit Schweinegrippe bringt viele zum Nachdenken", vermutet Dr. Witte. Und die aktuellen Zahlen aus anderen europäischen Ländern signalisieren: Die zweite Welle rollt auf Deutschland zu: Großbritannien 93, Frankreich 43 und Spanien 31 Tote. Noch stärker macht der Blick in die USA die Pandemiegefahr deutlich: Präsident Obama hat angesichts von über 1000 Toten durch H1N1-Grippe in 46 Staaten den Notstand ausgerufen.
Dass es in Deutschland nicht so weit kommt, ist Ziel der Impf-Kampagne. Da ist Ruhe erste Bürgerpflicht. Zwar gibt es viel besorgte Anrufe, aber man ist sich der guten Vorbereitung sicher und lässt die freiwillige "Volks-Impfaktion" nun langsam angehen. Zuerst, so steht es geschrieben, sollen sich die Sicherheitskräfte und die Beschäftigten im Gesundheitswesen piken lassen.
Aber selbst im Klinikum Minden sind die ersten Impfaktionen für Ärzte und Schwestern erst ab nächster Woche geplant, weiß Pressesprecher Georg Stamelos. Bei der Berufsfeuerwehr Minden muss stellv. Leiter Dirk Schlomann noch die Aktion mit dem Dienstplan abstimmen und wird auch frühestens in zwei Wochen so weit sein. Hier impft der Werksarzt. 100 Meter östlich an der Marienstraße sticht der Polizeiarzt in Landesdiensten in Beamten-Oberarme. "Wir starten am 11. November um 10.30 Uhr," berichtet Polizeisprecher Burkhard Lübker. Immerhin ist man bei den Ordnungshütern hinsichtlich der Ablauforganisation weiter als anderswo.
Für die Normalbevölkerung aber gilt: Keine Panik, das Informationsblatt lesen, die Einverständniserklärung ausfüllen und unterschreiben, bei einem Arzt aus der Teilnehmerliste (siehe MT vom Samstag und unter www.minden-luebbecke.de) sich in eine Liste eintragen lassen und auf einen Termin warten. Der wird in den meisten Praxen telefonisch vergeben, denn man braucht immer zehn zuverlässige Anmeldungen, um die zehn gekühlten Spritzenfüllungen mit Haltbarkeitsverfall nach 24 Stunden vollständig zu verbrauchen.
"Die Packungsgröße ist der Schwachpunkt der Aktion", klagt Dr. Witte. "Das erfordert viel zu viel Organisation", sieht er eine große Last auf den Angestellten in den Arztpraxen. Die oft diskutierten Nebenwirkungen seien ein mögliches, aber kleines Übel und die Zuverlässigkeit des Impfstoffs sei ausreichend getestet.
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