Schweinegrippe: Kreis hält Klassenschließung in Rahden für unnötig / Bislang meist harmloser Verlauf
Von der Leiterin des Gymnasiums Rahden wurde am Montag die Entscheidung gefällt, den Unterricht in einer Klasse ausfallen zu lassen, weil eine Schülerin sich krank gemeldet hatte. Ihr Arzt hatte bei ihr den Erreger der neuen Grippe diagnostiziert. Da auch einige Mitschüler Infektionssymptome gezeigt hätten, habe sie sich zu der Maßnahme entschieden, sagte die Direktorin. Inzwischen gibt es an der Schule einen weiteren Fall und einen am Wittekind-Gymnasium in Lübbecke.
Aus Schülersicht schlimmer als der Unterrichtsausfall dürfte die gleichzeitig verordnete Absage einer Klassenfahrt sein. Die Klasse wird inzwischen wieder unterrichtet, die kranken Schüler aber sollten noch zu Hause bleiben, bis sie mindestens einen Tag beschwerdefrei sind.
Fast jeder dritte Grippefall durch H1N1-Virus
Das hält auch Dr. Peter Witte, Leiter des Gesundheitsamtes des Kreises Minden-Lübbecke für richtig. Unterrichtsausfall hält er für nicht nötig: "Das macht keinen Sinn mehr."
Parallel zu den Impfappellen stellen sich offenbar nun auch steigende Infektionsraten ein. | Foto: dpa
Im Sommer sei so es noch das Ziel gewesen, "die Infektion aus der Bevölkerung möglichst lange herauszuhalten, um rechtzeitig einen Impfstoff entwickeln zu können", schreibt Witte in einer Erklärung des Kreises. "Jetzt ist davon auszugehen, dass der Erreger schon der Bevölkerung weit verbreitet ist."
Labordiagnosen von Abstrichen bei Grippe-Patienten hätten ergeben, dass bereits 27 Prozent aller Grippefälle in Deutschland durch den Erreger der Schweinegrippe ausgelöst worden seien. Umgerechnet seien "gegenwärtig mehrere tausend Menschen im Mühlenkreis, oft nur mit geringer Symptomatik, an Schweinegrippe erkrankt," schreibt Witte. "Daher ist durch Schließung von Klassen oder ganzen Schulen keinerlei Effekt mehr auf den Infektionsverlauf zu erwarten", beurteilt er die Lage. Sein Tipp, nicht nur an die Schulen: Kranke bleiben zu Hause, bis sie mindestens einen Tag fieberfrei gewesen sind. Gesunde Kontaktpersonen können weiterhin die Schule oder ihre Arbeitsstellen aufsuchen.
Insgesamt setzt man beim Kreis bei den Bildungseinrichtungen auf die direkte Absprache über die jeweils individuelle Situation. Bereits kurz nach den Sommerferien, als Reiserückkehrer die Grippeviren als "Gepäck" mitbrachten und die Fallzahlen stark gestiegen waren, sind die Schulen und kommunalen Schulämter vom Kreis informiert worden. Es seien größere Mengen Papierhandtücher und Flüssigseifen angefordert und verteilt worden.
"Handreichungen" aus Detmold
Die Bezirksregierung Detmold hat den Schulverwaltungen und Schulleitungen nach MT-Informationen in "Handreichungen" in Form eines Katalogs häufig gestellter Fragen Empfehlungen gegeben. Es werden die typischen Krankheitssymptome angegeben, wie auch Tipps für Hygiene an den Schulen.
Die Schulen werden aufgefordert, das Problembewusstsein bei Lehrkräften und Schülern zu fördern und auch in Unterrichtseinheiten zu thematisieren. Man könne Ärzte Vorträge halten lassen und Fragestunden einrichten. Die Schulen sollen nach dieser "Handreichung" Pandemiebeauftragte oder Pandemiestäbe einrichten, Bereiche benennen, in denen Schüler mit Grippesymptomen auf die Abholung durch die Eltern warten können, und sich mit Mundschutz und Handschuhen "in kleinen Mengen" bevorraten, damit die Lehrkräfte, die erkrankte Schüler betreuen, sich nicht anstecken.
"Gelassene Unentschlossenheit"
In der Bevölkerung herrscht weiter die große, als "gelassene Unentschlossenheit" bezeichnete Haltung gegenüber der Impffrage - auch bei nun neun H1N1-Toten in Deutschland. Vor allem, weil über die Medien die Experten immer noch gegenteilige Äußerungen dazu abgeben.
Mal wird davor gewarnt ohne möglichst große Impfabdeckung könne sich der Virus ausbreiten und die Gefahr der Mutation zu einer gefährlichen Variante wachsen, mal wird angesichts des im Vergleich zur "normalen" Grippe harmloseren Krankheitsverlauf der Schweinegrippe die Impfaktion als Geldbeschaffung für die Pharmaindustrie gebrandmarkt. Nebensächlichkeiten werden zu Hauptargumenten. Den aktuellen wöchentlich erfassten Stand der Impfbereitschaft hier im Mühlenkreis nennt Oliver Roth aus der Presseabteilung des Kreises auf MT-Anfrage: "Bis Freitag war Impfstoff für 3980 Personen ausgeliefert." Das ist etwas mehr als ein Prozent der Einwohner.
Das Gesundheitsamt sammelt die von den teilnehmenden rund 100 Ärzten für die kommenden angeforderten Impfstoff-Pakete und gibt dann eine Sammelbestellung beim zentralen Lager des Landes auf, von wo sie über bestimmte Apotheken gut gekühlt an die Ärzte ausgeliefert werden.
Längst wird nicht mehr jeder Verdacht zur teuren Laboruntersuchung geschickt wie noch im Frühstadium, der ersten Welle der Schweinegrippen-Invasion im Sommer. Zurzeit wisse man beim Kreis Minden- Lübbecke von 20 bestätigten und 30 Verdachtsfällen, teilte Oliver Roth mit. Das war der Stand von gestern Mittag. Heute ist man einen Tag weiter.
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