Minden (lkp). Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs sind mehr als 2,5 Millionen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen, in die Heimat ihrer Väter und Vorväter. Vielfach wanderten ihre Vorfahren, dem Ruf der Zarin Katharina II. (1729-1796) folgend, in das wenig bevölkerte Riesenreich aus, auf der Suche nach einem eigenen Stück Land und religiöser Freiheit.
Obwohl viele Russlanddeutsche seit Jahren in der bundesdeutschen Gesellschaft leben, wissen die meisten Menschen wenig über ihre Nachbarn, deren historische und kulturelle Wurzeln, auch nicht über die Entwurzelung, der sie durch manchmal mehrfache Vertreibung nach der Oktoberrevolution, insbesondere aber nach dem Überfall von Hitlers Wehrmacht im Juni 1941, ausgesetzt waren. Durch das Misstrauen Stalins wurden sie Opfer eines Krieges, den sie nicht ausgelöst hatten, Opfer wie die Bevölkerung in Deutschland selbst ebenso wie Deutsche in anderen Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas - viele andere Völker, nicht zuletzt auch Millionen Russen, darüber nicht zu vergessen.
In der Nachkriegs-Sowjetunion als "Faschisten" geschmäht, sehen sich Russlanddeutsche nach ihrer Übersiedlung in den Westen mit neuen Vorurteilen konfrontiert, wie unmittelbar nach dem Krieg auch schon Flüchtlinge und Vertriebene. Selbst die Verwurzelung in deutscher Kultur und Geschichte wird zuweilen rundheraus in Zweifel gezogen.
Den "Russlanddeutschen" gibt es eigentlich nicht. Wolgadeutsche, Wolhyniendeutsche, Bessarabiendeutsche, Krimdeutsche, Kaukasiendeutsche und Schwarzmeerdeutsche haben unterschiedliche Traditionen, je nach ihren historischen Siedlungsgebieten. In jüngerer Zeit wären die Benennungen Kasachstan-, Ukraine- und Kirgisistandeutsche korrekt. Und dann gibt es natürlich auch Deutschrussen - als Ehepartner von Russlanddeutschen.
Die verschiedenen Wurzeln und unterschiedlichen Wege von Russlanddeutschen will das Mindener Tageblatt in einer Reihe von Reportagen, Artikeln und Interviews beleuchten, um zu zeigen, welchen Erfahrungsschatz und welche Fähigkeiten sie mit nach Minden gebracht haben, welche Erfahrungen und Enttäuschungen sie aber auch hier gesammelt haben.

