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29.12.2006
Düfte und Gaumenfreuden aus Mittelasien
Alexander Braun erfüllt sich seinen Traum von eigenem Restaurant mit russischer Küche und vielfältigen Genüssen
VON JüRGEN LANGENKäMPER

Minden (mt). Aus der Küche duftet es verführerisch, dann öffnet sich die kleine Schiebetür, und Alexander Braun reicht eine Portion Blinis an seine Frau Anna im Schankraum durch. Das Ehepaar betreibt ein russisches Spezialitätenrestaurant in der Kaiserstraße: "Annuschka".

"Annuschka ist die Verniedlichungsform von Anna", erklärt der 33-Jährige die Namenswahl. Vor einem halben Jahr eröffnete er das eigene Restaurant. Nachdem er vor drei Jahren aus Süddeutschland nach Minden gekommen war und in der hiesigen Gastronomie arbeitete, hatte er sich mit einem rollenden Imbisswagen selbstständig gemacht. "Damit habe ich angefangen und auch ein paar russische Sachen angeboten", erzählt Alexander Braun offen heraus. "Dabei bin ich dann öfter gefragt worden: Was ist dies, was ist das? Und dann haben sie mich nach einem Lokal gefragt?" Aber das nächstgelegene russische Restaurant gab und gibt es seines Wissens erst in Bielefeld.

Teigtaschen auf vielerlei Arten

Als die ersten Italiener nach Deutschland kamen, brachten sie eigene lukullische Genüsse mit, heute sind Pizza und Pasta im wahrsten Sinne des Wortes in aller Munde. Ähnliches gilt für griechisches Gyros, spanische Paella und türkische Döner. Und für Blinis und Beljasch? Warum sollten die Gaumenfreuden von Wolga und Don, vom Ural und aus den Steppen Mittelasiens vor mitteleuropäischen Kochtöpfen Halt machen, ist erst die anfängliche Scheu vor ungewohnten Namen überwunden.

"Blinis sind Pfannkuchen aus einem Teig aus Milch, Ei und Mehl", sagt Braun. Allerdings nicht flach, sondern gerollt und wahlweise mit Hackfleisch oder Quark gefüllt. Teigtaschen kennt die Küche Mittelasiens in Hülle und Fülle: Pelmeni seien am ehesten mit Tortellini zu vergleichen, klärt der Koch auf. Sie stammen aus Sibirien, so wie er selbst. Tscheburek, frittierte Teigtaschen, kommen aus der usbekischen Tradition und Beljasch aus Sauerteig aus Kasachstan. Wareniki gibt es mit Kartoffeln, aber auch süß.

Die usbekische Küche hat es dem jungen Koch besonders angetan. "Lagman ist eine usbekische Nudelsuppe mit Lammfleisch", weist er auf seine Speisekarte, auf der nicht nur Borschtsch und Soljanka zu finden sind, die zumindest dem Namen nach auch in Deutschland schon länger bekannt sind. Auch das Reisgericht Plow ist usbekischen Ursprungs, ursprünglich von berittenen Hirtennomaden am offenen Lagerfeuer zubereitet. "Plow zu kochen ist für einen Usbeken ein Ritual", sagt Braun. "Das kann ich natürlich nicht so zubereiten", gesteht er ein Zugeständnis an die bundesdeutsche Gaststättenverordnung ein.

Zanderfilet bereitet er auf südrussische Art zu, Schaschlik auf kaukasische. Die ehemalige Sowjetunion war, scheint es, ein kulinarisches Multikultistaatsgebilde, das von allem etwas zu bieten hatte. Dass dabei auch Beef Stroganoff, ein Klassiker der internationalen Küche, auf der Karte steht, ist fast schon eine Selbstverständlichkeit.

Schon für kleinere Geschwister gekocht

Andere Hauptgerichte sind durch und durch deutsch, gutbürgerliche Küche eben: Rinderleber nach Berliner Art, Jägerschnitzel und Zigeunerschnitzel. "Das essen Russlanddeutsche gern", sagt der Küchenchef.

Seine Frau, die für den Service und den Ausschank zuständig ist, hat aber auch schon mal von russlanddeutschen Gästen fast entrüstet zu hören bekommen. "Das kennen wir ja von zu Haus", als sie die Speisekarte studierten. "Ja, was denn sonst in einem russischen Restaurant?", lacht der Koch. Bestellt hätten diese Gäste dann doch die ihnen wohlbekannten Pelmeni.

Das Kochen ist Alexander Braun nicht in die Wiege gelegt, wohl aber in die Kinderstube in Kasachstan, könnte man sagen. "Mein Vater, dessen Vater Bürgermeister in einem deutschen Dorf in Russland gewesen war, arbeitete als Fernfahrer, meine Mutter im Schichtbetrieb in einer großen Fabrik", erzählt er. Während der Abwesenheit der Eltern habe er schon in seiner Jugend für die kleineren Geschwister kochen müssen.

Als die Familie 1994 nach Ulm übersiedelte, fand der junge Mann keine Arbeit als Schweißer, weil seine Berufserfahrung nicht anerkannt wurde. Da machte Alexander Braun aus der Not eine Tugend. "Ich koche ja so gerne", sagte er sich, suchte auf eigene Faust eine Umschulungsmaßnahme zum Koch und fand sie an einer Berufsfachschule in Hannover, wo er zweieinhalb Jahre lang intensiv lernte.

Vor drei Jahren schließlich kam er, nach verschiedenen Berufserfahrungen - unter anderem in der Kantine eines Frauenklosters - nach Minden, aus Liebe. Denn hierher war die Familie seiner Frau Mitte der 90er-Jahre aus dem Orenburger Gebiet südlich des Ural, der Heimat vieler Russlanddeutscher, gezogen.

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Dokument erstellt am 29.12.2006 um 01:15:23 Uhr

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