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29.12.2006
Gemeinsam fremde Muttersprache lernen
Junge Gymnasiasten mit und ohne Familie aus ehemaliger Sowjetunion wählen in Oberstufe Russisch als Kurs
VON JüRGEN LANGENKäMPER

Minden (mt). Seit zweieinhalb Jahren schon kommen die 18 Oberstufenschüler von Rats- und Herder-Gymnasium zusammen, um eine eine Fremdsprache neu zu lernen. Für manche jedoch ist sie die erste Muttersprache: Russisch.

Doch nicht alle stammen aus der fernen und bald nach ihrer auseinander gebrochenen Sowjetunion. Vier in der Klasse, Rebekka, Ann-Christin, Wiebke und Andreas, sind in Deutschland geboren und haben keine familiären Bindungen an russische Sprache und Kultur - außer Andreas vielleicht. "Mein Vater hat bei der Bundeswehr Russisch gelernt." Aber da sei es in erster Linie um das Abhören von Funksprüchen unter besonderer Berücksichtigung von Zahlenangaben gegangen.

Die von Mitschülern oft geäußerte Vermutung, junge Russlanddeutsche wählten Russisch als zweite Fremdsprache - Englischunterricht haben ohnehin noch alle, auch Latein oder Französisch haben etliche in der Schule gelernt - hauptsächlich, weil sie da doch aufgrund ihrer Herkunft leicht gute Noten erhielten, ärgert die Kursteilnehmer. "Die können sich nicht vorstellen, dass ich auch was für gute Noten tun muss", sagt Irina. "Ich bin vor jeder Klausur aufgeregt und setze mich immer hin und lerne", pflichtet ihr Kristina bei. Irinas Familie kam aus Kasachstan nach Deutschland, als das Mädchen sieben Jahre alt und gerade erst in die Schule gekommen war. Kristina war sogar erst drei gewesen.

So alt wie Anna, deren Familie aus der Ukraine stammt. "Im Kindergarten habe ich sehr schnell Deutsch gesprochen und Russisch ziemlich schnell verlernt", sagt sie heute. Denn auch zu Hause wurde nur auf Deutsch geredet. Trotzdem, sagt sie, fänden ihre Eltern es gut, dass sie in der Oberstufe Russisch gewählt habe.

"Meine Eltern wären enttäuscht gewesen, wenn ich es nicht getan hätte", sagt Julia, die mit sechs Jahren aus dem Altai-Gebiet in Sibirien in den Westen kam. Der Russisch-Kurs hilft denn auch, Kontakt zu Verwandten oder Bekannten zu halten oder überhaupt erst wieder aufzunehmen, sobald sich die Schüler in der Welt der anfangs ungewohnten kyrillischen Schriftzeichen zurecht finden.

Aber auch beim Sprechen, das viele trotz des familiären Umfelds verlernt haben, hilft der Kurs. "Als ich in den Sommerferien drei Wochen Verwandte in Kaliningrad besucht habe, haben die sich total gewundert, dass ich jetzt so gut Russisch sprechen kann", erzählt Dalia. Bei einem ersten Besuch vor ein paar Jahren habe sie dagegen fast gar nicht gesprochen.

Familiäre Mithilfe bei den Hausaufgaben nehmen längst nicht alle in Anspruch. Und darauf, dass zu Hause Mütter oder Väter verpasste Unterrichtssequenzen ausbügeln, verlassen sich auch die beiden Russisch-Lehrerinnen Renate Glock am "Herder" und Edith Hoffmann-Schwanck am "Rats" nicht. "Wir unterrichten für Anfänger und nicht für Fortgeschrittene", erklärt Renate Glock, die neben den 13ern auch noch einen Zwölfer-Kurs unterrichtet, während ihre Kollegin mit Neueinsteigern in der Elften begonnen hat. Nach mehr als zwei Jahren vierstündigen Unterrichts pro Woche wundern sich die 13er inzwischen über den Wandel der Sprache der Russlanddeutschen. "Viele sprechen zu Hause Aussiedler-Russisch", sagt Irina, "Russisch mit zig deutschen Vokabeln". Im Schulunterricht lässt Renate Glock das aber nicht durchgehen.Anschauungsmaterial für den Themenschwerpunkt zu russischer Geschichte bildete in diesem Schulhalbjahr auch schon die Artikelserie im MT, in der auch ältere Russlanddeutsche über ihre Erlebnisse in der Stalin-Zeit und während des Zweiten Weltkriegs berichteten. Im zweiten Halbjahr steht Integration auf dem Lehrplan. Damit haben die jungen Kursteilnehmer eigentlich kein Problem. Aber es wurmt sie, wenn sie im Alltag mit diskriminierenden Vorurteilen über Russlanddeutsche konfrontiert werden und dann dabei zu hören bekommen: "Damit bist nicht du gemeint . . ."

Hauch des Exotischen weckte einst Interesse

Russischunterricht selbst hat eine Krise durchlebt. "Ab Anfang der 80er boomte das Interesse", sagt Edith Hoffmann-Schwanck, die ab 1978 am Caroline-von-Humboldt-Gymnasium unterrichtete, dann das Fach am "Herder" einführte, ans Weser-Kolleg ging und heute am "Rats" lehrt. Am Weser-Kolleg gab es sogar Leistungskurse. "Russisch hatte den Hauch des Exotischen, solange es Reisebeschränkungen gab", sagt die Lehrerin. Doch die Nachfrage im Gefolge von Gorbatschow, Glasnost und Perestroika brach fast so schnell ein wie der Eiserne Vorhang und die Sowjetunion zusammen.

Parallel wurden die Richtlinien für die Fächerwahl in der Oberstufe verschärft, die es interessierten Schüler erschwerten, Russisch zu wählen. Hinzu kam, dass russlanddeutsche Muttersprachler seit den 90ern deutsche Anfänger abschreckten. Denn die Anhebung des Niveaus machte es Neueinsteigern schwerer. Durch die Kombination bekamen beide Gymnasien aber gemeinsame Kurse zustande und sind auch für die Zukunft zuversichtlich. "Denn inzwischen kommen Kinder aus russlanddeutschen Familien schon früher zu uns in die fünften Klassen", sagt Edith Hoffmann-Schwanck. Zuvor waren viele erst nach der Realschule an ein Gymnasium gewechselt.

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Dokument erstellt am 29.12.2006 um 01:15:21 Uhr

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