Prof. Dr. Dr. h. c. Stephan Merl lehrt seit 1991 osteuropäische Geschichte an der Universität Bielefeld und ist dort seit 1993 Koordinator des interdisziplinären Nebenfachs "Osteuropäische Studien". Ehrendoktortitel haben ihm Universitäten in Jaroslavl und Ulan Bator verliehen.
Es seien nur einige Zehntausend deutschsprachige Familien Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts nach Russland ausgewandert oder durch die Ausdehnung nach Westen Untertanen der Zaren geworden, sagt der Historiker. Durch die starke Vermehrung wuchs der Bevölkerungsanteil aber auf mehr als eine Million Menschen an. Dazu trugen die guten Wirtschaftserträge der Höfe und in den Dörfern der Russlanddeutschen bei.
Stete Kontakte nach Kanada
"Die Mennoniten haben sich über den Gesamtzeitraum besonders verhalten", konstatiert Merl für die religiöse Minderheit, die aus Glaubensgründen dem Ruf der Zarin Katharina gefolgt waren. Mit dem Druck der einsetzenden Russifizierung, der auch andere Minderheiten ausgesetzt waren, und mit der Abschaffung der Befreiung vom Militärdienst setzte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein erneuter Wanderungsprozess ein. Vor allem Mennoniten wanderten erneut aus, aber nicht nach Deutschland und Österreich-Ungarn, wo die allgemeine Wehrpflicht galt, auch weniger in die USA wie viele andere Europäer, sondern nach Kanada. "Kontakte nach Kanada haben seither immer bestanden", sagt der Historiker. Diejenigen Russlanddeutschen, die im Lande blieben, kämpften im Ersten Weltkrieg auf russischer Seite.
Trotz des "Neidfaktors", der gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Lande gegenüber Deutschen spürbar war, habe die nationale Zugehörigkeit bei der Kollektivierung der Landwirtschaft Ende der 1920er-Jahre keine Rolle gespielt, so Merl. Gleichwohl waren Wolga-Deutsche und Schwarzmeer-Deutsche überproportional betroffen, weil sie in den Getreideüberschussgebieten siedelten, in den die Sowjetmacht verstärkt Getreide zwangsweise zur Versorgung der Städte und zum Export für die Finanzierung des Aufbaus der Schwerindustrie requirierte.
Ausdrücklich gegen Deutsche waren aber die Deportationen im Spätsommer 1941 nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion gerichtet. "Die deutsche Bevölkerung wurde geschlossen deportiert", stellt Merl fest. "Davon waren auch die Aktivisten in Partei und Armee betroffen."Diese Verfolgung habe zu einem rund 20-prozentigen Bevölkerungsverlust unter den Russlanddeutschen geführt. Mit anderen Worten: Jeder Fünfte kam ums Leben. "In den Verbannungsgebieten kam es jedoch ähnlich wie nach der Kulakenverfolgung im Zuge der Kollektivierung zu einem sehr starken Bevölkerungsanstieg." Dadurch waren die Verluste recht bald wieder ausgeglichen. "Letztlich gab es schon Lebensmöglichkeiten vor Ort", urteilt der Historiker über die entbehrungsreiche Situation in den Gebieten im asiatischen Teil von Stalins Reich.
Kriegsgefangene als Verräter betrachtet
Einschneidender war die Unterdrückung der deutschen Kultur schon von der Schulzeit an. In der Öffentlichkeit war es praktisch verboten, die deutschen Sprache zu benutzen. "Die Sprachbeherrschung ist seither rückläufig", so Stephan Merl.
Nicht besser erging es jenen Russlanddeutschen, die nach Kriegsausbruch mit dem schnellen Vormarsch der Wehrmacht in den Einflussbereich der Nazis kamen. Auch sie verloren ihre seit Generationen angestammte Heimat, als die Deutschen sie, vorwiegend nach Polen, umsiedelten oder sie vor der Roten Armee flüchteten. Als sowjetische Staatsbürger wurden sie allerdings nach Kriegsende in die Sowjetunion zurückgeschickt und "wie die Gesamtheit der kriegsgefangenen Rückkehrer" über Stalins Tod hinaus mit Misstrauen betrachtet, weil ihnen der erzwungene wie halbwegs freiwillige Aufenthalt im deutschen Machtbereich als Zeichen für Verrat angekreidet wurde.
Kein Aufschwung für die Wissenschaft
Der Zerfall der Sowjetunion, verbunden mit erleichterten Reisemöglichkeiten und der Öffnung von Archiven, hat seit den 90er-Jahren nicht zu einem erhofften Anstoß für die Forschung über Russland und russische Geschichte geführt. Die Einrichtung eines Lehrstuhls für osteuropäische Geschichte an der Universität Bielefeld - bereits von den Gründungsvätern der Fakultät beabsichtigt, aber aus finanziellen Gründen immer wieder aufgeschoben - täuscht über die drastische Mittelkürzung in diesem Bereich bundesweit hinweg. "In Nordrhein-Westfalen wurde gegenläufig zum Trend auch ein zweiter Lehrstuhl in Düsseldorf eingerichtet", sagt Merl. Aber anders als das dortige Institut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa war die Ausrichtung in Bielefeld weiter gefasst, auch um Osteuropa besser in den bestehenden Sonderforschungsbereich einbeziehen zu können.
Neben der sich verschlechternden materiellen Ausstattung der Forschung machte sich in den 90er-Jahren ein erlahmendes Interesse an der Lehre bemerkbar. "Seit Ende der 60er-Jahre lernten Schüler aus politischem Interesse Russisch", sagt Merl, selbst Jahrgang 1947. Die neue Ostpolitik der sozialliberalen Koalition brachte in den 70ern weiteren Schwung. Doch schon in den 80ern schlug das Interesse um. Seit dem Verschwinden des Konflikts der politisch-militärischen Blöcke und der Konkurrenz der wirtschaftlichen Systeme gibt es zudem immer weniger Beschäftigungsfelder für Slavisten, wie sich in den Mittelkürzungen an den Hochschulen und im außeruniversitären Bereich zeigt.Der Zustrom junger Studenten aus russlanddeutschen Familien hat diesen Prozess nicht umgekehrt, sondern paradoxerweise auch dadurch noch verstärkt, dass viele Russisch und russische Geschichte zu studieren begannen. "Deutsche Studenten stoßen so auf eine Gruppe, die fließend Russisch spricht", sagt Merl. Deutsche Studienanfänger fühlten sich dadurch abgeschreckt und wichen in andere Fächer aus. Doch auch für junge Russlanddeutsche zahlte sich der vermeintliche Startvorteil bislang meist nicht aus: Viele brachen ihr Studium ab. "Das intellektuelle Niveau ist gedrückt", urteilt der Hochschullehrer sehr kritisch und sieht dafür einen Grund in der relativen Bildungsferne vieler russlanddeutscher Familien aus einem eher ländlichen Milieu. Keine Verallgemeinerung ohne Ausnahme: "Derzeit betreue ich einen sehr erfolgreichen Doktoranden aus der Gruppe der Russlanddeutschen", ergänzt Merl.
Seine generelle Einschätzung untermauert der Dozent mit einem Verweis auf Russland: In dem vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) unterstützten MBA-Studiengang (Master of Business Administration) in Moskau, "ursprünglich zur Eröffnung von Weiterbildungsangeboten für Russlanddeutsche in Russland eingerichtet", gebe es ein sehr starkes Interesse von Russen, aber keinen einzigen russlanddeutschen Teilnehmer.
Die Zahl der von ihm betreuten Magisterarbeiten und Promotionen sieht Prof. Merl mit jeweils rund einem halben Dutzend seit Anfang der 90er als sehr gering an, gegenüber vier Habilitanden, die natürlich allesamt ihre Studienwahl sehr viel früher gefällt hatten.
Die nächste Folge erscheint am Mittwoch, 13. Dezember

