David und Rose Trippel kamen schon 1994 nach Minden. Davor hatten sie mit ihren vier Kindern dreieinhalb Jahre in der Oblast Kaliningrad gelebt, dem ehemaligen nördlichen Teil Ostpreußen um die einstige Provinzhauptstadt Königsberg. Beide waren in deutschen Familien aufgewachsen und hatten in Kirgisien eine Familie gegründet, wo auch noch der jüngste Sohn geboren wurde, bevor die Familie in unruhigen Zeiten in der auseinander fallenden Sowjetunion wie andere Russlanddeutsche nach Kaliningrad zog.
"Zu sechst haben wir in einer Wohnung mit 78 Quadratmetern in Dankersen gewohnt", erzählt Rose Trippel. Dort würde das Ehepaar vielleicht noch heute wohnen. Aber die heranwachsenden Kinder rechneten ihnen vor, dass es bei 1400 D-Mark Wohnungskosten genauso günstig sei, ein eigenes Haus mit mehr Wohnraum zu bauen.
Im Juni begonnen, im Dezember eingezogen
1999 stellten sie einen Bauantrag, als Erste für ein neues Wohngebiet. "Im Juni 2000 haben wir begonnen", sagt David Trippel. "Im Dezember sind wir eingezogen." Viel Eigenarbeit leisteten der Tiefbauarbeiter und seine beiden älteren Söhne. Der Bruder kam aus dem Sauerland, und ein Cousin half beim Rohbau.
137 Quadratmeter hat das kleine Eigenheim. Um weniger Geld von der Sparkasse aufnehmen zu müssen - denn Hypothekenkredite bekommen Russlanddeutsche entgegen mancher landläufigen Meinung nicht umsonst - hätte das Ehepaar gern etwas kleiner gebaut. Doch das ließ das Bauordnungsamt nicht zu. Wegen der vier Kinder, von denen ja doch jedes vorschriftsmäßig ein eigenes Zimmer haben musste.
Als das Haus fertig war, zog der älteste Sohn gar nicht erst mit ein. Er hatte geheiratet und einen eigenen Hausstand gegründet.
Doch dann erlitt David Trippel mit 48 Jahren im März 2001 einen ersten Herzinfarkt. Dann folgte ein zweiter. Eine Herzoperation mit drei Bypässen schloss sich an. Krankengeld, geringeres Einkommen, aber die Familie biss sich durch, schränkte sich ein, wo es ging. Ein Jahr später ging die Tiefbaufirma, bei der David Trippel auf der Lohnliste stand, in die Insolvenz. Arbeitslos.
Rose Trippel suchte sich wieder eine Arbeit, als Aushilfe bei einer Reinigungsfirma. Das heißt warten auf einen Anruf, ob sie an einem Tag für jemanden einspringen kann. Mal arbeitet sie ein bis zwei Wochen im Monat, mal nicht einen einzigen Tag. Drei Jahre hatte sie schon mal fest gearbeitet. "Aber dann bekam ich eine Putzmittelallergie", berichtet die 52-Jährige. Sie hofft, dass die allergische Reaktion nicht wieder ausbricht, "weil die Mittel nicht mehr so stark sind und ich ja nicht so häufig damit umgehe".
"Ich freue mich, wenn ich Arbeit habe", sagt die Frau, die die Ärmel hochgekrempelt hat, um alles für das Wohlergehen ihrer Familie zu tun, was in ihrer Macht steht. Aber sie und ihr Mann und der jüngste Sohn waren auch schon mal ohne Krankenversicherung, als sie ein paar Wochen ohne Beschäftigung war.
David Trippel war schon bei mehreren Leihfirmen in Minden und Umgebung, um wieder Arbeit zu finden. "Aber sie nehmen ihn nicht wegen seiner Krankheit", sagt seine Frau.
Anfangs, bei der Einführung zum Jahreswechsel 2004/2005, erhielt die Familie noch Arbeitslosengeld II auf Grund eines Antrags bei der Agentur für Arbeit. Damit war beim Folgeantrag bei Komjob Schluss. "Unser Haus ist für vier Leute sieben Quadratmeter zu groß", erfuhren die Trippels. Für fünf Leute wäre der Wohnraum angemessen gewesen. Doch in der Zwischenzeit hatte auch die Tochter geheiratet, war ausgezogen und ist inzwischen dreifache Mutter.
Die Aufforderung, eine Grundschuld eintragen zu lassen, nur weil das Haus ein paar Quadratmeter zu groß ist, empfindet das Ehepaar als große Ungerechtigkeit - und so auch Beratungseinrichtungen, an die sie sich Hilfe suchend gewandt haben. "Aber helfen konnte uns bisher niemand", sagt Rose Trippel verzweifelt. "Sollen wir die Toilette zumauern?", schüttelt ihr Mann resignierend den Kopf. Erst durfte er nicht kleiner bauen, so ein Amt. Jetzt ist es zu groß, so eine andere Behörde.
Noch gelingt es mehr schlecht als recht, sich über Wasser zu halten, weil der mittlere Sohn die Zinslast trägt. Doch auch er möchte heiraten und müsste dann wohl ausziehen. Somit stünde das Ehepaar vor einem Scherbenhaufen seiner Wünsche: Gesundheit für das Wohl der Kinder und ein Eigenheim ruiniert, das Haus verloren und einen Berg Schulden als Hinterlassenschaft. "Ich schlafe schon nachts nicht mehr", sagt Rose Trippel. In den Albträumen und Sorgen sind russlanddeutsche Familien von einheimischen nicht zu unterscheiden.
Die nächste Folge erscheint am Mittwoch, 15. November.

