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29.12.2006
"Zweite Generation wirklich angeglichen"
Erste junge Neuankömmlinge aus Russland naiv in Opiat-Falle getappt / Familien engagieren sich bei Therapie
VON JüRGEN LANGENKäMPER

Minden (mt). Sie kamen in ein ihnen fremdes Land und probierten unbefangen alles aus, was sie bekamen - auch Drogen. "Viele sind in die Opiat-Falle sehr naiv reingestolpert", sagt Dieter Kavermann von der Drogenberatungsstelle des Kreises über junge Russlanddeutsche Anfang und Mitte der 90er.

"Viele Jugendliche sind in der kritischen Phase der Pubertät von ihren Eltern eingepackt worden wie ein Möbelstück", sagt Matthias Speich als Drogenberater in der Außenstelle in Lübbecke. Der radikale Umzug habe sich vielfach fördernd für den Schritt in die Sucht gewirkt. Dass kaum jemand Erfahrungen über Drogen- und Suchtprävention mitbrachte, begünstigte den Absturz in harte Betäubungsmittel ebenso - und manch einer wollte sich in der neuen Umgebung betäuben.

Niemand kommt freiwillig zu ihnen, sagen die Drogenberater. "Es muss erst richtig knallen, bevor der Schritt hier rein gemacht wird", erklärt Speich. Das gilt für Einheimische, Russlanddeutsche und andere Migranten gleichermaßen.

Unterschiede haben die Drogenberater schon in der Rolle der Familien ausgemacht. "Die Familien spielen bei russlanddeutschen Drogenabhängigen eine große Rolle, sie helfen und leiden stärker mit", sagt Kavermann. "Das ist toll, wenn es zum Erfolg führt", betont Speich, weist aber auf extreme Schattenseiten hin: "Durch Co-Abhängigkeit gehen ganze Familien kaputt." Wo ein Drogenabhängiger seine Sucht auf Kosten der kompletten Familie auslebe, müsse er fallen gelassen werden. "Wenn die Familien vieles in Kauf nehmen, kann das suchtverlängernd werden", warnt Kavermann.

Zuweilen erkundigen sich russlanddeutsche Angehörige in der Drogenberatungsstelle im Rosental nach Therapieangeboten, nehmen sie dann aber gar nicht wahr. "Die ältere Generation kennt das Hilfesystem in Deutschland nicht", hat Matthias Speich beobachtet. Trotz vorhandener Angebote würden Drogenabhängige dann "für eine Stange Geld" zur Therapie nach Osteuropa geschickt und in eine so genannte "Turboentgiftung" gesteckt oder sie erhalten ein Anti-Drogen-Implantat. "Ich sehe das als eine Form von Hilflosigkeit", sagt Dieter Kavermann.

Auch die strenggläubigen christlichen Gemeinden haben nach Kenntnis der Drogenberatungsstelle auf die Problematik reagiert. "Nach Negieren der Gemeinden auf Drogensucht in der Anfangszeit haben sie Angebote für Straffällige und Drogenabhängige entwickelt", sagt Kavermann. "Die Drogenabhängigen werden ganz eng aufgenommen", berichtet Speich. Die Gemeinschaft versuche, den Süchtigen durch Arbeit und Glauben "auf den rechten Weg zu bringen". Inwieweit dies gelingt, darin haben die Drogenberater keinen Einblick. Ersatzstoffe wie die Substitution durch die Vergabe von Methadon lehnen die Gemeinden aber ab.

Die mangelnde Kenntnis über Suchtstrukturen begünstigt Rückfälle. Da werde schon mal auf die erfolgreich absolvierte Entziehungskur - "Migranten haben sich nach den Erfahrungen einer Fachklinik in Dortmund als durchhaltefähiger erwiesen", sagt Speich - mit Alkohol angestoßen, weil Alkoholkonsum "nicht so ernst genommen" werde. "Aber Alkohol begünstigt den Rückfall in harte Drogen."

Unkontrollierter Cannabis-Konsum

Inzwischen verzeichnet die Drogenberatungsstelle einen neuen Trend bei jungen Deutschen wie bei gleichaltrigen Russlanddeutschen, die bereits hier geboren wurden oder sehr jung gekommen sind: den unkontrollierten Konsum von Cannabis. Nach dem Motto "Wir rauchen uns den Schädel weg" verkifften sie ihre Schulausbildung, warnt Dieter Kavermann.

So makaber es klingen mag, zur Integration junger Russlanddeutscher in die westdeutsche Gesellschaft sagt Matthias Speich in puncto Drogenkonsum: "Die zweite Generation hat sich wirklich angeglichen."

Die nächste Folge erscheint am Mittwoch, 8. November.

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Dokument erstellt am 29.12.2006 um 01:15:18 Uhr

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