Inzwischen gibt es im Osten wie im Westen Menschen ohne feste Bleibe. Eine Einrichtung, die sich um Menschen am Rande der Gesellschaft kümmert, ist die Wärmestube St. Nicolai am Pauline-von-Mallinckrodt-Platz. Dort sind die russlanddeutschen Frauen an diesem Montagnachmittag zu Gast.
Jeden Montag zwischen 16 und 18 Uhr treffen sich Frauen aus Minden und Umgebung zum "Gesprächskreis für Aussiedlerinnen". Normalerweise laufen die Gesprächsrunden im benachbarten Haus der Caritas in der Königstraße. Dieses Mal besuchen die Frauen aus allen Teilen der ehemaligen Sowjetunion die nur einen Steinwurf entfernte Wärmestube gemeinsam mit der Spätaussiedler-Beraterin Christa Harms, die selbst gebackenen Apfelkuchen zu dem Treffen mitgebracht hat.
Schwester Maria Thekla, die seit Jahresbeginn mit einer halben Stelle die Arbeit koordiniert, gibt einen Einblick in die Aufgaben und die Menschen, die die Wärmestube an sechs Tagen in der Woche - nur Mittwoch ist geschlossen - aufsuchen. "Gegen einen kleinen Obolus bekommen sie ein Essen", sagt die Ordensschwester. "Einige kommen nur hierher, essen ihren Teller leer und gehen wieder, sie möchten nicht reden." Andere wiederum suchen das Gespräch, brauchen mehr, auch eine Dusche im kleinen Badezimmer oder Wäschewaschen sind möglich.
Rund die Hälfte der Besucher seien jünger als 30 Jahre, schätzt Schwester Maria Thekla. Auch Gestrandete aus Russland oder Osteuropa kommen inzwischen, erfahren die russlanddeutschen Frauen. Anfällig für ein Scheitern in der Gesellschaft seien besonders allein stehende junge Männer, so der Eindruck der Ordensschwester. "Von denen, die hier sind, hat keiner richtig eine Familie."
Auch am Sonntagnachmittag hat die Wärmestube von 13 bis 17 Uhr geöffnet - als einzige karitative Einrichtung für Menschen am Rande der Gesellschaft. Dann kann es auch schon mal etwas voller werden. Ludmilla Gralke nimmt dies mit Interesse auf - und auch dass die Wärmestube, die sich ausschließlich aus Spenden finanziert, ständig ehrenamtliche Helfer sucht. Die junge Frau sagt ihre Mithilfe an Sonntagen zu.
Gegenseitige Hilfe ist einer der Bausteine des Gesprächskreises ebenso wie der Informationsaustausch in der für alle nach ihrer Ankunft noch fremden westdeutschen Gesellschaft. "Vielfach kommt die Sorge auf, ob die Kinder genug in Deutschland lernen", sagt Christa Harms. Wo und wie erfährt man etwas über das Freizeit- und Kulturangebot? "Wenn hier in der Stadt etwas los ist, weiß man es kaum", berichtet Lydia Fuchs von einem Gefühl des Abgeschnittenseins vom normalen Informationsfluss. Deshalb habe sie anfangs den Eindruck gehabt, "was für eine langweilige Stadt" Minden sei. Eine Tageszeitung kann sie sich nicht regelmäßig leisten. So hat sie erst von anderen russlanddeutschen Frauen von der langen Nacht der Kultur erfahren.
Im Gesprächskreis tauschen sich die Mütter untereinander auch darüber aus, wo und wann sie Kinder zu Ferienspielen und anderen Freizeitaktivitäten anmelden können. "Sehr oft wissen die Leute das nicht", berichtet Janna Kipnis. Sie leitet den Gesprächskreis und erhält dafür ein Honorar vom Katholischen Bildungswerk, der für das Angebot auch in seinem Kursprogramm wirbt.
Einmal pro Halbjahr unternehmen die Frau eine Tagesfahrt, stets in Verbindung mit dem Besuch einer Kunstausstellung. "Wir haben auch schon eine Fahrt auf dem Mittellandkanal mit Schleusung zur Weser mitgemacht", erzählt Christa Harms - erlebte Heimatkunde gewissermaßen.
Ein besonderes Erlebnis war der Besuch einer typischen russischen Banja, eines ursprünglich aus Sibirien stammenden Schwitzbades, auf einem Gehöft in Stemwede. "Und wir pflegen Traditionen, wenn wir gemeinsam kochen", sagt Janna Kipnis.
Weitere Informationen und Anmeldung bei Christa Harms, Telefon (05 71) 8 28 99-66, oder Janna Kipnis, Telefon (05 71) 8 29 39 79.
Die nächste Folge erscheint am Mittwoch, 1. November.

