"Die öffentliche Diskussion, oft durch spektakuläre Einzelfälle oder durch in den Medien berichtete vermeintlich eindeutige Entwicklungstrends angeregt, ist in der Regel durch einfache Erklärungsansätze geprägt", sagt Prof. Dr. Thomas Bliesener. Der gebürtige Mindener, der nach dem Abitur am Besselgymnasium Psychologie studierte, lehrt an der Universität Kiel. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Aggression und Gewalt unter Kindern und Jugendlichen sowie Jugenddelinquenz. Gerade hat er in einer interdisziplinären Forschungsgruppe mit Kriminologen und Strafrechtlern die Kriminalität von Spätaussiedlern in Schleswig-Holstein untersucht. Unter Bezug auf Polizeistatistiken und wissenschaftliche Untersuchungen kommt er zu der Feststellung, "dass Spätaussiedler keine bedeutsam höhere Deliktbelastung aufweisen als einheimische Deutsche der gleichen Altersgruppe".
Genaue lokale Daten für den Mühlenkreis fehlen. "Statusrechtlich werden Spätaussiedler als Deutsche behandelt", sagt Kriminalhauptkommissar Norbert Klute, Sachgebietsleiter bei der Kreispolizeibehörde Minden. Zwar werde bei Ermittlungen der Geburtsort von Tatverdächtigen festgehalten, aber nicht statistisch ausgewertet.
Wie wohl in allen Kulturkreisen zu allen Zeiten zeigt sich dabei, dass junge Männer in höherem Maße als gleichaltrige Frauen, Frauen generell und auch ältere Männer mit Gesetzen und Normen ihrer Gesellschaft in Konflikt geraten. Da junge Aussiedler ebenso wie junge Ausländer in ihren Altersgruppen einen höheren Anteil haben, wäre es nicht verwunderlich, wenn die Kriminalitätsrate von Russlanddeutschen insgesamt leicht über ihrem Bevölkerungsanteil läge.
Aber selbst dazu liegen der Polizei keine verlässlichen Daten vor. Hilfsweise hat die Polizei in der Vergangenheit auf Schülerdaten zurückgegriffen. Denn der Anteil junger Russlanddeutscher in ostwestfälisch-lippischen Schulklassen liegt deutlich über dem Landesschnitt. Mehr Kriminalität gibt es deswegen aber in der Region nicht.
"Die Kriminalitätshäufigkeitszahl von Minden liegt bei rund 7800", sagt Klute. Damit können Minden sicherer gelten als Deutschlands sicherste Großstadt mit mehr als 200 000 Einwohnern, nämlich Bielefeld - in deren Schulklassen ebenfalls mehr junge Russlanddeutsche als in anderen NRW-Metropolen sind. Mit einer Kriminalitätszahl von 5600 (pro 100 000 Einwohner) gehört Minden-Lübbecke trotz seines vermuteten überproportionalen Spätaussiedleranteils eher zu den ruhigeren Pflastern.Bei rund 17 000 registrierten Delikten ordnete die Polizei im Jahr 2004, als das Land eine gezielte Auswertung im Hinblick auf Spätaussiedler vornehmen ließ, aus dieser Personengruppe 809 Spätaussiedler. "397 Diebstählen, 168 Körperverletzungen und 99 Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz", greift Klute auf die eher unspektakuläre Statistik zurück. "Aussiedlerkriminalität ist in weiten Bereichen eher eine Wahrnehmungsproblematik", so der Kriminalhauptkommissar.
Das trifft auch auf junge Mehrfachtäter zu, Jugendliche und Heranwachsende, die fünf Straftaten und mehr im Jahr begangen haben. Die Kreispolizeibehörde legt die Messlatte schon ab drei Straftaten oder Auffälligkeit im Vorjahr an. "In den ersten neun Monaten dieses Jahres gab es 73 Meldungen", teilt Polizeisprecher Werner Wojahn mit. Zehn davon galten als Russlanddeutsche - dies wäre bei einem Bevölkerungsanteil von 13 bis 14 Prozent in der entsprechenden Altersgruppe mithin vollkommen normal. Genaue Vergleichswerte liegen jedoch nicht vor. Übrigens: Nur vier junge Mehrfachtäter waren weiblich.
Einem weiteren Abgleiten in kriminelle Milieus, das durch frühzeitige Verurteilungen zu Haftstrafen begünstigt werden könnte, versucht die Polizei durch einen Jugendbeauftragten beim Kommissariat Vorbeugung entgegenzuwirken. Über die Bezirksbeamten versucht er in intensiven Gesprächen mit den Familien eine Wende zum Guten zu erreichen - oft mit Erfolg. "Bei Mennoniten ist Kriminalität ein heikles Thema", sagt Klute. Denn straffällig gewordenen Jugendlichen drohe soziale Ächtung bis hin zum Ausschluss aus der Gemeinde.
Forschungen belegen, dass die Neigung, eine Anzeige zu erstatten, gegenüber Jugendlichen aus einer als fremd empfundenen Herkunft größer ist als gegenüber der eigenen Gruppe. Dazu gehört auch, dass Bürger eher die Polizei rufen, wenn sich in ihrer Nachbarschaft russlanddeutsche oder ausländische Jugendliche in ihrer Freizeit treffen, ohne deswegen Böses im Schilde zu führen.
Bei der Befragung Strafgefangener stellten die Kieler Forscher einen markanten Unterschied russlanddeutscher Inhaftierter zu einer kleineren Vergleichsgruppe von Ausländern hinsichtlich des Einsatzes körperlicher Strafen bei schweren Disziplinstörungen fest: "Während bei den Ausländern Schläge mit Gegenständen nur in einem Fall berichtet wurden, gaben fast die Hälfte der Spätaussiedler diese Erfahrung an", so Bliesener.
Die nächste Folge erscheint am Mittwoch, 25. Oktober.

