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29.12.2006
Musiklehrerin wechselt in die Marktwirtschaft
Nellja Unger macht sich als Alleinerziehende mit drei Töchtern weitab vom erlernten Beruf selbstständig
VON JüRGEN LANGENKäMPER

Minden (mt). "Ich habe immer gedacht, was Besseres als Deutschland gibt es nicht", erinnert sich Nellja Unger an ihre Kindheit. Als erwachsene Frau und Mutter musste sie erfahren, dass das Leben im Land ihrer Vorväter stets neue Herausforderungen und auch Entbehrungen für sie bereit hält.

"Meine Oma hat während des Krieges mit ihren Kindern in Deutschland gewohnt", erzählt die 49-Jährige. Die Großmutter, die wie die Großeltern väterlicherseits aus der Westukraine stammte, hätte nach Kriegsende im Westen bleiben können. Weil aber ihr Mann von den Sowjets in eine Arbeitskompanie der so genannten Trudarmee gesteckt worden war, kehrte die Familie zurück, erst nach Kasachstan ("Das war so schrecklich, das hat sie so oft erzählt"), dann in das Orenburger Gebiet im Süden des Ural.

"Die Großeltern lebten immer in Angst", sagt Nellja Unger. Ihre Mutter durfte trotz eines guten Schulabschlusses nicht studieren. In der Hoffnung auf eine geringere Diskriminierung weitab von deutschen Siedlungen zogen ihre Eltern Mitte der 1960er-Jahre mit ihren beiden Kindern nach Tscherepowez, einer 300 000-Einwohner-Stadt in Nordwestrussland.

Tatsächlich konnte die Tochter, die Klavier spielte, seit sie sieben Jahre alt war, an der dortigen Hochschule Musik studieren und anschließend zehn Jahre lang als Chorleiterin arbeiten. Doch mit dem Tod ihres russischen Ehemannes und den sich ständig verschlechternden Bedingungen in der siechen Sowjetunion veränderte sich das Leben der Mutter von drei Töchtern. "Ich hatte Angst um die Kinder, war immer in Unsicherheit." Nellja Unger stellte einen Ausreiseantrag. "Eigentlich bin ich wegen meiner Kinder hierher gekommen", sagt sie, "damit sie lernen können, vielleicht studieren."

Für sich selbst rechnete sie sich keine Chance aus, in ihrem erlernten Beruf arbeiten zu können. Die musisch veranlagte Frau machte eine Ausbildung zur Krankenpflegerin. Aber nach einiger Zeit spielte ihr Rücken nicht mehr mit. Deshalb wagte Nellja Unger doch einen Versuch, ihr Musiklehrer-Diplom anerkennen zu lassen - ohne Erfolg. "Ich war so enttäuscht. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte."

In dieser Situation nahm die Musikerin Kontakt zur Mix-Markt-Kette auf, die mit Importware aus Ost- und Südosteuropa den Geschmacksgewohnheiten von Zuwanderern entgegen kommt und nostalgische Gaumengelüste befriedigt. "Ich habe einfach in der Zentrale angerufen, und sie haben mir gesagt, sie hätten ein leer stehendes Geschäft in der Rodenbecker Straße in Minden."

"Ich hatte kein Eigenkapital", berichtet die Geschäftsfrau von ihren Anfängen als Franchise-Nehmerin. "Meine Verwandten haben nicht geglaubt, dass ich so etwas schaffe, aber geholfen haben sie alle." Nicht nur Geld gaben die Angehörigen. Bis zur Eröffnung halfen sie bei Renovierung und Einrichtung. "Wer nur was konnte, war hier", sagt Nellja Unger.

Inzwischen verkauft sie, unterstützt von ihrer 27-jährigen Tochter Ekaterina - die älteste studiert Psychologie in Bielefeld, die jüngste besucht die Höhere Handelsschule -, Spezialitäten nicht nur aus Russland, sondern auch aus Polen, der Türkei, Jugoslawien, Osteuropa schlechthin. Auch die Kunden sind nicht nur Russlanddeutsche. "Ich habe inzwischen auch viele deutsche Kunden." Anfangs seien sie noch ganz vorsichtig in den Laden gekommen. "Sie haben mehr geguckt als gekauft." Besonders russische Pralinen gibt es in Hülle und Fülle. "Die Mix-Markt-Kette hat Lieferverträge mit Moskauer Fabriken wie ,Roter Oktober`", sagt Nellja Unger und gibt zu, dass sie sich mit dem Angebot einen Traum erfüllt hat. "Ich kenne das von Geburt an, es fehlte mir sehr."

Wurst dagegen werde nicht importiert, sondern in Deutschland produziert, aber "nach russischer Art", sagt die Geschäftsfrau. Inzwischen beschäftigen Mutter und Tochter acht weitere Mitarbeiter.

Für die Liebe zur Musik blieb nach dem Schritt in die Selbstständigkeit über Jahre keine Zeit. Dann aber setzte sich die Musiklehrerin an das E-Piano zu Haus und spielte. "Nur zum Privatvergnügen", sagt Nellja Unger. Ihr Beruf ist der Markt.

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Dokument erstellt am 29.12.2006 um 01:15:16 Uhr

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