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29.12.2006
Auf der Spur der Vorfahren in Bessarabien
Ingrid Reule forscht weltweit nach verstreuten Familienangehörigen ihres Mannes aus Russland und Rumänien
VON JüRGEN LANGENKäMPER

Minden/Petershagen (mt). Die Suche nach den Vorfahren ihres Mannes haben Ingrid Reule einmal um den Erdball geführt. Im Laufe von mehr als zwei Jahrzehnten ist sie zu einer Kennerin der Geschichte einer regionalen Gruppe der Russlanddeutschen geworden, der Deutschen aus Bessarabien.

"Mein Mann ist in Bessarabien geboren", erzählt Ingrid Reule. In seinem Geburtsjahr 1934 wohnte die Familie seit 120 Jahren in dem Gebiet zwischen Pruth und Dnjestr.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte Zar Alexander I. das Gebiet vom Osmanischen Reich erobert. Als die dort ansässigen tartarischen Nomaden abzogen, rief er deutsche Siedler aus Süddeutschland und dem preußisch-polnischen Grenzgebiet in die fruchtbare, menschenleere Steppe am Schwarzen Meer.

1814 zog der Urgroßvater Johann Michael Reule, noch in Württemberg geboren und in Neupreußen aufgewachsen, nach Bessarabien, das heute zu Moldawien und zur Ukraine gehört. Von ihm stammen viele Angehörige der weit verzweigten Familie ab. "Einige zogen in die Ukraine, auf die Krim und bis an den Kaukasus", hat Ingrid Reule herausgefunden. Bei einigen wandelte sich der Name wegen der russischen Schreibweise, in der auch die Kirchenbücher der deutschen evangelisch-lutherischen und katholischen Gemeinden ab 1890 geführt werden mussten, in Reile.

Mit der Ausbreitung des Nationalismus in allen europäischen Staaten - im Zarenreich in Form des Panslawismus - verschlechterten sich die Lebensbedingungen auch der deutschsprachigen Untertanen. "1871 hatte die russische Regierung alle bei der Ansiedlung gewährten Rechte aufgehoben", berichtet die Hobbyhistorikerin, die sich als Mitglied im Mindener Geschichtsverein besonders für Genealogie interessiert. "In den Schulen wurde die russische Sprache als Unterrichtsfach eingeführt. Nur Deutsch und Religion durften weiter in deutscher Sprache unterrichtet werden." Auch die Befreiung vom Militärdienst auf "ewige Zeiten" wurde aufgehoben, ebenso die Selbstverwaltung.

"Als Folge dieser Maßnahmen setzte ab 1874 eine große Auswanderung nach Übersee ein", sagt Ingrid Reule. Teil der Familie zogen in die USA, nach Kanada, Brasilien und Argentinien. Im Ersten Weltkrieg waren die Russlanddeutschen verstärkt Zielscheibe nationalistischer Hetze. "Einen Höhepunkt bildeten die Liquidationsgesetze vom Februar 1915, nach denen alle Deutschen in der Grenzzone von 150 Kilometern Tiefe nach Sibirien ausgesiedelt werden sollten." Die Umsetzung verhinderte der Ausbruch der Revolution 1917.

Nach Kriegsende fiel Bessarabien an Rumänien, das bereits seit dem 12. und 13. Jahrhundert eine starke deutsche Minderheit in Siebenbürgen aufwies. Doch nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs besetzte die Rote Armee das Gebiet westlich des Dnjestr. Auf Grund des geheimen Zusatzprotokolls des Hitler-Stalin-Paktes wurden die Bessarabiendeutschen in einer groß angelegten Aktion evakuiert. Der gerade erst fünf Jahre alte Oskar Reule kam mit seinen Eltern in das gerade erst besetzte Westpreußen.

Im weiteren Kriegsverlauf kamen auch die Ukrainedeutschen östlich des Dnjestr bis zum Bug in den Bereich der Wehrmacht. Nach Stalingrad jedoch mussten 350 000 Menschen 1943/44 in großen Trecks flüchten. Sie wurden im so genannten Warthegau im besetzten Polen umgesiedelt und eingebürgert. Als die Sowjettruppen vordrangen, wurden rund 250 000 Russlanddeutsche wieder zurücktransportiert, aber nicht, wie versprochen in ihre Heimatdörfer, sondern in weiter östlich gelegene Gebiete, nach Sibirien und Mittelasien. "Die Verluste bei den Trecks nach Deutschland und beim Rücktransport in die Sowjetunion waren groß", sagt Ingrid Reule. Nur 180 000 Menschen sollen in Russland angekommen sein, so Berechnungen auf Grund von Pressemitteilungen der Alliierten. Diese Rückführung blieb den Bessarabiendeutschen, zu denen auch die Familie von Bundespräsident Horst Köhler gehört, erspart. Nach dem gewaltsamen Tod seiner Eltern kam Oskar Reule in ein polnisches Waisenhaus und erst 1949 über das Rote Kreuz in die Bundesrepublik.

Schon vor 20 Jahren besuchte Ingrid Reule die entfernten US-Verwandten ihres Mannes in Bismarck, North Dakota. "Ich bin sogar Ehrenmitglied der Germans from Russia Heritage Society", sagt die 67-Jährige. Für die Gesellschaft fungiert sie als "Village Coordinator" für Klöstitz, das Geburtsdorf ihrer Schwiegermutter, die Ingrid Reule nur aus den Erzählungen und aus ihren eigenen Recherchen kennt. Dafür hat sie sogar eine eigene Homepage angelegt: www.kloestitzgenealogy.org

Die nächste Folge erscheint am Mittwoch, 11. Oktober.

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Dokument erstellt am 29.12.2006 um 01:15:16 Uhr

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