Mittwoch, 23.05.2012
iPad | MT-Blogs | MTMobil | Impressum | Kontakt | Sitemap | Newsletter

29.12.2006
Brief an Horst Köhler hilft Hürden überwinden
Letelner schreibt an Bundespräsidenten: Schwestern dürfen mit ihrer Mutter zur Großmutter nach Minden ziehen
VON JüRGEN LANGENKäMPER

Minden (mt). Tatjana Trubnikova (20) und ihre ein Jahr jüngere Schwester Svetlana haben einen weiten Weg hinter sich. Fast vom anderen Ende der Welt, aus Chabarowsk, sind sie vor kurzem nach Minden gekommen und hatten dafür mit ihrer Mutter etliche Hürden zu überwinden. Dabei half ein Brief an den Bundespräsidenten.

Nicht die drei Frauen wandten sich an Staatsoberhaupt Horst Köhler, sondern ein alter Mindener, Hartwig Stahlhut. Der Letelner kennt die Familie seit langem. "Die Großmutter kam schon 1999 nach Deutschland und wohnt bei mir zur Miete", sagt der Hausbesitzer. Die beiden jungen Frauen, damals noch Heranwachsende, kamen 2001 zu Besuch. "Damals haben wir schon ein paar Worte Deutsch gelernt", erzählt Tatjana.

Nach Rückkehr und Schulabschluss nahmen die Schwestern ein Germanistikstudium an der Universität ihrer fernen Heimatstadt Chabarowsk am Amur auf. 2003 stellte die Mutter einen Ausreiseantrag, Mitte 2005 gab es die Genehmigung - für sich. Ihre Töchter - der Vater, ein Offizier, wollte nicht mit nach Deutschland gehen - blieben außen vor.

"Im Jahr 2004 gab es eine Gesetzesänderung, die statt einer Sprachprüfung für den Antragsteller auch Prüfungen für alle Familienangehörigen ab 14 Jahre vorschreibt", sagt Hartwig Stahlhut. Also wandten sich die jungen Studentinnen an das Büro des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes (DAAD) und ließen sich dort ihre Sprachkenntnisse attestieren. Doch die erkannte das Aussiedlerfragen zuständige Bundesverwaltungsamt einfach nicht an.

Irgendwann bekam Hartwig Stahlhut die schwierige Lage der über tausende von Kilometern getrennten Familie mit. "Die Großmutter ging jeden Tag zum Briefkasten und kam traurig wieder zurück", berichtet er. Als sie ihm ihr Herz ausschüttete, versuchte er durch einen Telefonanruf zu helfen. "Das Bundesverwaltungsamt schottet sich schon in der Telefonzentrale ab. Keine Chance, durchzukommen!", so seine Erfahrung, und er entrüstet sich: "Die Deutschen sind sehr hart, eine ganz große Schweinerei."

Im März dieses Jahres setzte der Letelner sich hin und schrieb schließlich einen Brief an den Bundespräsidenten. Darin schilderte er die Situation. Eine Kopie ging an den heimischen Bundestagsabgeordneten Steffen Kampeter (CDU).

Ein ehemaliger Letelner bestätigte Stahlhut in seinem Vorgehen. "Ich hätte es genauso gemacht, antwortete mir Peter Hahne", erzählt er. Und tatsächlich: Nach einer Woche kam ein Brief aus dem Bundespräsidialamt mit dem Hinweis, den Vorgang an Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble weitergegeben zu haben. Und auch MdB Kampeter meldete, dass er seinen Parteikollegen bezüglich der Familie Trubnikova angesprochen habe. Kurz darauf schrieb Staatssekretär Dr. Christoph Bergner und wies darauf hin, dass die Sprachprüfung an einem Goethe-Institut abgelegt werden müsse.

Schnell hatten Tatjana und Svetlana Trubnikova einen Termin am Goethe-Institut in Nowosibirsk, tausende von Kilometern von der Heimatstadt entfernt und fast schon auf halbem Wege nach Minden. Auch hier musste Hartwig aus der Ferne einspringen, denn die zugesandten Anmeldedaten enthielten behördlicherseits Formfehler bei den Personalien, die fatale Folgen für die jungen Frauen hätten haben können und die er ausbügeln half. "Beide haben dann in allen Fächern ein ,Sehr gut` erhalten", ist er auf seine Schützlinge stolz.

Aber wie es das Pech so wollte, die Prüfungsergebnisse kamen und kamen in der Außenstelle Friedland nicht an. "Die Zeugnisse waren in die Zentrale des Bundesverwaltungsamtes nach Köln geschickt worden", brachte Stahlhut in Erfahrung und setzte sich für eine Beschleunigung per Faxzusendung ein. Von Chabarowsk aus hätten Mutter und Töchter dies niemals erreicht und wohl noch immer auf das erlösende Signal aus Deutschland warten können.

Eine letzte Hürde war die Genehmigung zur Aufnahme in NRW, um zur Großmutter nach Minden fahren zu können. Auch dies gelang schließlich. "Aber beide Urgroßmütter, die auch in Minden wohnten, sind während der Wartezeit verstorben", bedauert der hilfsbereite Mindener.

Und die Pläne der jungen Frauen? "Wir versuchen, direkt zur Otto-Benecke-Stiftung zu gehen", sagt Tatjana Trubnikova. Dort wollen sie einen dreimonatigen Sprachkurs absolvieren, um dann zu studieren. Ihr russisches Reifezeugnis wird nämlich für einen Hochschulzugang anerkannt, das sie bereits sechs Semester Deutsch studiert haben. "Ich möchte Design studieren", sagt Tatjana. "Und ich will weiter Sprachen lernen", ergänzt Svetlana, die wie ihre Schwester auch gut Englisch spricht. "Ich möchte später als Dolmetscherin und Übersetzerin arbeiten."

Dokumenten Information
Copyright © Mindener Tageblatt 2012
Dokument erstellt am 29.12.2006 um 01:15:15 Uhr

Texte und Fotos aus MT-Online sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Diesen Artikel in Netzwerken veröffentlichen:




´

Anzeige