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29.12.2006
Pfadfinderin im bundesdeutschen Alltag
Praktikantin bei der Caritas: Natalija Schapovalov-Stena hilft Neuankömmlingen in den ersten Wochen
VON JüRGEN LANGENKäMPER

Minden (mt). Den richtigen Pfad durch den Dschungel der neuen Umgebung mit unbekannten Regeln und fremden Dingen zu finden, ist für Neuankömmlinge nie leicht. Wohl dem, der dann einen kundigen Pfadfinder hat.

Die Großfamilie von Vera und Ivan Michaltschenko hat Glück gehabt. Samt Töchtern, Schwiegersöhnen, Enkeln und Schwiegerenkeln hat sie die Umsiedlung aus den Weiten Kasachstans nach Minden verschlagen - "ohne einen familiären Bezug", wie Christa Harms von der Caritas sagt. Das war in den vergangenen Jahren außergewöhnlich. Denn bis vor kurzem durften nur Russlanddeutsche nach Minden und Umgebung ziehen, die bereits Verwandte hier wohnen hatten.

Kenntnisse im familiären Umfeld sind sicher eine wichtige Hilfe, um sich in einer neuen Umgebung zurechtzufinden. Was aber tun, wo diese familiären Fangseile gleich für eine komplette Großfamilie mit drei Generationen nicht gegeben sind?

Hier kommt der Caritas-Fachfrau für Aussiedlerberatung zugute, dass Natalija Schapovalov-Stena ein studienbegleitendes Praktikum absolviert. Die Studentin für Sozialwesen hat die vielköpfige Familie unter ihre Fittiche genommen. Sie weiß, was es heißt, in Deutschland anzukommen und hier seinen Weg zu finden - allerdings aus ganz anderer Perspektive: Sie kam ganz allein aus Barnaul im Altai-Gebiet. Denn ihre Eltern - die Mutter Russlanddeutsche, der Vater mit russisch-ukrainischer Herkunft - waren gestorben. Ihr Bruder hat den Sprung nicht gewagt und ist in Russland geblieben.

"Ich bin als Aupair-Mädchen nach München gekommen", erzählt die heute 27-Jährige, die noch in Russland begonnen hatte, Deutsch und Englisch zu studieren. Im zweiten Jahr in Bayern absolvierte sie als Sprachstudentin einen Sprachkurs "Deutsch im Tourismus". Doch dann übersiedelte sie mit ihrem Freund und jetzigen Ehemann 2003 nach Petershagen. "Vor drei Jahren haben wir geheiratet", sagt die junge Frau. "Ich gehöre jetzt zur Familie."

Nach einer Tätigkeit beim Kinderschutzbund wurde vor fast anderthalb Jahren ihre Tochter geboren. Seit April studiert Natalija Schapovalov-Stena an der Evangelischen Fachhochschule in Hannover Sozialwesen. Mehrmals in der Woche fährt sie mit dem Zug zur Vorlesung, mal von Lahde über Nienburg, mal über Minden. Zum Glück kann sich die Schwiegermutter um Töchterchen Angelina kümmern.

Vorgeschrieben sind in dem dreijährigen Studiengang auch insgesamt drei Monate Blockpraktikum, um noch vor dem Anerkennungsjahr Praxis in möglichen Arbeitsfeldern zu sammeln. Dafür klopfte Natalija Schapovalov-Stena bei verschiedenen Wohlfahrtsverbänden an, bevor sie bei der Caritas anfangen konnte. "Ich wollte schon früher mit Ausländern arbeiten", erklärt sie ihr Interesse.

Neben der Flüchtlingsberatung bei Beata Hellenbarnd lernt sie jetzt auch die Aussiedlerberatung kennen. Dabei sind ihre russischen Sprachkenntnisse natürlich hilfreich. Da gibt es Schriftstücke und Formulare im Behördendeutsch, die nicht nur für Familie Michaltschenko eine Herausforderung darstellen. "Sie können einige Sachen verstehen", sagt Natalija Schapovalov-Stena. Denn die Familie hat schon einige Monate in der Landesstelle in Unna-Massen verbracht und dort einen Integrationskurs absolviert. Vera Michaltschenko ist zudem mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen.

"Für uns sind es Kleinigkeiten, aber für die Leute ist es schwierig", sagt Natalija Schapovalov-Stena und erinnert sich an ihre ersten eigenen Schritte in der fremden Umgebung. Ob Fahrplan lesen oder Ticketkauf auf dem Bahnhof, Antrag für den Führerschein - den will sie als Radfahrerin jetzt auch selbst machen -, Anerkennung von Zeugnissen, Begleitung bei Einkäufen, bei vielen Dingen hat sie den Neuankömmlingen schon geholfen. "Wir telefonieren sehr oft", sagt die Petershagenerin. "Das freut mich, da kann ich helfen." Dafür hat sie sogar ihre Handy-Nummer weitergegeben.

Und sie hat der Familie gezeigt, in die Anzeigen im "Mindener Tageblatt" zu schauen, zum Beispiel auf der Suche nach günstigen Möbeln und passenden Wohnungen. Schon im Oktober ziehen die ersten aus der Notunterkunft auf dem rechten Weserufer in eine neue Wohnung, und andere haben für Dezember einen Mietvertrag unterschrieben. Die Erfolge freuen auch Natalija Schapovalov-Stena. "Wir sind immer so beschäftigt", sagt sie freudestrahlend - aber dann hat sie es doch eilig, sich am Abend auf den Heimweg zu machen und zu ihrem Töchterchen zu kommen.

Dokumenten Information
Copyright © Mindener Tageblatt 2012
Dokument erstellt am 29.12.2006 um 01:15:14 Uhr

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