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29.12.2006
"Wir fragen jeden nach seinem Namen"
Im Martin-Luther-Haus beginnt Integration von Neuankömmlingen im Gottesdienst - und hört damit nicht auf
VON JüRGEN LANGENKäMPER

Minden (mt). "Wenn jemand neu in einen Gottesdienst kommt, begrüßen wir ihn und fragen nach seinem Namen", sagt Pfarrer Dr. Jörg Bade. Vielleicht ist dies mit einer der Gründe, warum sich russlanddeutsche Neuankömmlinge im Martin-Luther-Haus schneller heimisch fühlen als anderswo.

Die Gottesdienste im Gemeindehaus in der Vorlaenderstraße sind gut besucht. "70 bis 100 Besucher haben wir an Sonntagen ohne besonderen Anlass", sagt der promovierte Theologe. Zwei Drittel der Gläubigen stammen aus Russland oder einem der anderen GUS-Staaten.

Der hohe Anteil russlanddeutscher Gottesdienstbesucher in diesem Pfarrbezirk der evangelisch-lutherischen St. Mariengemeinde erklärt sich hauptsächlich aus zwei Gründen. "60 bis 70 Prozent der Russlanddeutschen sind evangelisch-lutherisch", sagt Jörg Bade, der sich die Pfarrstelle gemeinsam mit seiner Frau Sabine teilt. 15 bis 20 Prozent, so seine grobe Schätzung, gehörten den kleineren Glaubensrichtungen der Mennoniten und Baptisten an, der Rest sei katholisch.

Zuwanderungsstadtteil mit Fluktuation

Zudem deckt der Pfarrbezirk in weiten Teilen Bärenkämpen ab, "den Zuwanderungsstadtteil" Mindens, wie Bade nach anderthalb Jahrzehnten seelsorgerischer Tätigkeit aus allernächster Nähe weiß. "Wir haben hier einen beispiellosen Zuzug und Wegzug", bringt er die permanente Fluktuation zum Ausdruck, die besondere Herausforderungen an eine kontinuierliche Arbeit in allen Belangen stellt.

Das heißt aber nicht, dass Menschen dem Stadtteil nur den Rücken zurückkehren. "Wir befürchten, dass einzelne Russlanddeutsche sich woanders nicht wohlgefühlt haben und deshalb hierher in den Gottesdienst kommen", gibt er eine Beobachtung wieder.

Auch ein Gebetskreis, einst in St. Simeonis gegründet, hat im Martin-Luther-Haus ein Obdach gefunden - aus ganz pragmatischen Gründen: Die Wege waren für etliche Teilnehmer aus Bärenkämpen dadurch näher.

Nicht immer allerdings tragen alle Bemühungen Früchte. Anfang der 90er nutzten auch Mennoniten das Martin-Luther-Haus für ihre Zusammenkünfte. "Sie stellen keine Sekte dar", wie Jörg Bade anerkennend sagt, "sondern eine besondere evangelische Richtung, geprägt als unterdrückte Randgruppe".

Die Hoffnung, die Mennoniten voll in die lutherische Gemeinde aufnehmen zu können, ging jedoch nicht auf. Denn als die Gruppe größer geworden war, errichtete sie ein eigenes Bethaus im Kutenhauser Feld.

Das Gemeindeleben hat sich dennoch stark gewandelt. "Eine einfache Hochzeitsrede oder eine Traueransprache kann ich auch zweisprachig halten", sagt Jörg Bade. Denn er hat selbst "ein bisschen" Russisch gelernt. Das hilft bei dem Ziel, Neukömmlingen "eine innere Heimat" zu geben.

Auch seien Erwachsenentaufen im Martin-Luther-Haus längst eine Selbstverständlichkeit. "Die Taufe kann in ganz unterschiedlichem Lebensalter möglich sein", sagt der Gemeindepfarrer. Denn gerade viele der mittleren Generation seien am wenigsten religiös, jedoch ohne überzeugte Atheisten zu sein. "Manche wollen neutral sein, weil sie eine religiöse Einengung ablehnen." Und manch einer besinnt sich erst nach einigen Jahren in Deutschland seiner lutherischen Wurzeln.

Ehrenamtlich in der Jugendarbeit tätig

Ungefähr die Hälfte der Taufanfragen für Kinder komme aus russlanddeutschen Familien - zuweilen von auswärtigen Familien. "Aber die Großeltern sind hier treue Gottesdienstbesucher", sagt Bade.

"Heute ist es Normalität, dass in den Konfirmandengruppen Kinder aus alteingesessenen neben Kindern aus russlanddeutschen Familien sitzen", berichtet der gebürtige Meißener weiter, dessen Schwiegervater 1945 als Ukrainedeutscher nach Minden gekommen war. Auch im kirchlichen Unterricht sind Integration und Miteinander an der Tagesordnung. Zwei Schwestern, die einst als Katechumenen mit nur ein paar Worten Deutschkenntnissen kamen, seien heute ehrenamtlich in der Jugendarbeit tätig.

Aber es gibt auch für die Zukunft noch ein paar Aufgaben. "In den Besuchskreis trauen sich noch nicht so viele", sagt Pfarrer Bade. Dafür sei der Gebetskreis deutlich von Russlanddeutschen geprägt, in gewisser Weise eine Nachwirkung der in Russland verbreiten Hauskreise zu Gebet und Bibelstudium.

Die nächste Folge erscheint am Mittwoch, 13. September.

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Dokument erstellt am 29.12.2006 um 01:15:13 Uhr

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