Die nötige Zeit zur Ankunft in der Heimat ihrer Vorväter erhalten junge Russlanddeutsche in der Bischof-Hermann-Kunst-Schule auf dem Ludwig-Steil-Hof in Espelkamp. Dort ist Gerecke Stellvertreter des Schulleiters Klaus Weihe. Beide kommen aus Minden - wie auch ein starkes Kontingent ihrer mehr als 300 Schüler. "Unser Auftrag ist die Sprachausbildung in Verbindung mit Schulabschlüssen der Sekundarstufe I", umreißt Weihe die Ziele der Schule, deren Träger die evangelische Stiftung ist.
Ins Leben gerufen wurde die Schule 1948 für Waisenkinder aus Bromberg in Westpreußen. "Erst zwei Jahre später wurde die Stadt Espelkamp gegründet", berichtet Schulsozialarbeiter Thomas Baak. Bis in die 80er-Jahre stellten Kinder aus dem heutigen Polen einen großen Anteil der Schülerschaft. Das änderte sich mit dem Zerfall der Sowjetunion und dem Zuzug von russlanddeutschen Familien.
Parallel erhielt Klaus Weihe mit der Übernahme der Schulleitung 1988 - nach der Ausgliederung der Birger-Forell-Realschule in Trägerschaft der Landeskirche - den Auftrag, die damalige Birger-Forell-Hauptschule und die Bodelschwingschule für Lernbehinderte zu einer Bündelschule zu integrieren. Beide verblieben auf dem Ludwig-Steil-Hof und erhielten ein gemeinsames Dach unter einem Neubau. Dann erfolgte die Umbenennung nach dem Schulgründer und Espelkamper Ehrenbürger Hermann Kunst, der auch als evangelischer Militärbischof der Bundeswehr weithin Ansehen genoss.
"In Spitzenzeiten hatten wir 550 Schüler", sagt Klaus Weihe. Fast alle seien Aussiedler aus den GUS-Staaten gewesen. Auch Räume in den drei Internaten, die der Schule angeschlossen sind und bis zu 210 Plätze bieten, mussten für den Unterricht genutzt werden. Mit dem Rückgang des Zuzugs aus Russland, Kasachstan und den kleineren ehemaligen Sowjetrepubliken sind auch die Schülerzahlen wieder gesunken, inzwischen auf 250 Hauptschüler und 70 Förderschüler. Zugleich ist die Nationalitätenvielfalt bunter geworden.
Die Schüler kommen zum Teil von weit her, besonders wenn es keine geeigneten Fördermöglichkeiten am Wohnort gibt. Der Einzugsbereich erstreckt sich über ganz Ostwestfalen-Lippe. Mehrstündige Fahrtzeiten mit dem Bus sind keine Seltenheit. Eine Unterbringung im Internat müssen die Familien selbst bezahlen oder das Jugendamt der Heimatgemeinde - wenn Erziehungsprobleme vorliegen. Schüler der zehnten Klasse können hierfür Bafög beantragen, "wenn die Fahrtzeit mehr als zehn Stunden beträgt", sagt Thomas Baak.Die Bischof-Hermann-Kunst-Schule zeichnet sich vor allem durch den gezielten Sprachunterricht aus. 24 Stunden Deutsch, fünf Stunden Mathematik und zwei Stunden Sport stehen in den Auffangklassen für Neuankömmlinge auf dem Stundenplan. Dabei kann es vorkommen, dass Elfjährige mit 19-Jährigen gemeinsam bei Null starten. "Ein entscheidender Unterschied im Sprachlernprozess ist, dass wir besser differenzieren können, als normale Schulen. Dort gibt es im Idealfall eine Auffangklasse", erläutert Dieter Gerecke. In Espelkamp komme jeder Schüler, egal wann er im Laufe des Schuljahres eintreffe, in eine für ihn passende Lerngruppe. "Sie verlieren dadurch kein Jahr", ergänzt Baak. Die können sie wiederholen, so Gerecke weiter, oder auch bei entsprechendem Lernfortschritt überspringen.
Für diesen Deutschunterricht gab es kein Vorbild. "Wir haben anfangs Arbeitsblätter erstellt und fotokopiert", erzählt Klaus Weihe. "Irgendwann wurden daraus Lehrbücher." Nur für den schulinternen Gebrauch, mit Anerkennung des Kultusministeriums und einer Anschubfinanzierung dank einer Spende eines örtlichen Spielautomatenherstellers.
"Für unsere Lehrer ist wichtig, dass sie eine Fremdsprache studiert haben", sagt Dieter Gerecke. Er selbst hat Russisch und Geschichte studiert. DaF, Deutsch als Fremdsprache, hat er lediglich nachträglich studiert. Andere Mitglieder des Kollegiums sind fit in Englisch und Französisch. Denn nicht nur mit den neu ankommenden Schülern müssen sich Lehrer unterhalten können, sondern auch mit deren Eltern.
Die Spanne des Leistungsniveaus ist gewaltig. "Wir haben Topleute, die begreifen sehr schnell", sagt Gerecke. Und die gehen oft auch auf anderen Schulen ihren Weg, auf die sie wechseln nach manchmal nur einem Jahr Erlernen der schwierigen Sprache ihrer Vorväter. "Wir fragen nach, was unsere Schüler gemacht haben."
Aber manche machen erst bittere Erfahrungen. Ältere Neuankömmlinge, die formal ein Abschlusszeugnis ihres Herkunftslandes in der Tasche und damit ihre Schulpflicht erfüllt haben, landen mit kaum einem Wort Deutschkenntnissen und aufgewachsen mit kyrillischen Schriftzeichen auf Berufskollegs, wo sie nach einem Jahr ein Zeugnis mit fast durchgängig Fünfen und Sechsen erhalten, weiß Weihe zu berichten.
"Es ist eine Riesenleistung des Kollegiums, erstmal den Schülern klarzumachen, dass es nicht ihr Fehlverhalten war", sagt der Schulleiter und sieht Fehlerquellen im Schulsystem. "Wir fühlen uns als Lobbyisten dieser Gruppe", bekennt der Pädagoge ganz offen.
Die nächste Folge erscheint am Mittwoch, 6. September.

