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29.12.2006
Für Studium zweite Reifeprüfung abgelegt
Eigentlich bis zuletzt gehofft, in Moskau bleiben zu können: Maria Kaiser strengt sich für ihren Traumberuf an
VON JüRGEN LANGENKäMPER

Minden (mt). "Das erste Semester war schockierend", gesteht Maria Kaiser. Pauken allein und in einer Gruppe bis spät am Abend in Hannover, lernen auch am Wochenende beim Besuch bei den Eltern und beim Freund in Minden - gerade hat die junge Russlanddeutsche, die Ärztin werden möchte, das zweite Semester geschafft.

"Es macht Spaß", sagt die 23-Jährige sogar inzwischen und berichtet lebhaft vom ersten Semester in Anatomie. Kleinste Körperteile gab es zu lernen, für die Normalsterbliche meist noch nicht mal einen Begriff auf Deutsch wissen, geschweige denn auf Latein, wie von angehenden Medizinern verlangt.

Vor fünf Jahren saß Maria Kaiser fast schon auf gepackten Koffern, hörte noch auf den Familiennamen Acepaeva und sprach kaum ein Wort Deutsch. "Ich habe bis zum Ende gehofft, dass wir doch da bleiben", gibt die junge Frau zu. Aber die Mutter, die aus einer russlanddeutschen Familie stammte und deren Eltern und einige Schwestern schon nach Deutschland gegangen waren, hatte einen Aussiedlungsantrag gestellt und den Sprachtest bestanden.

Maria Kaiser hatte die Mittelschule absolviert und hätte mit dem Abgangszeugnis der elften Klasse nach einer Aufnahmeprüfung studieren können. Vor dem unsicheren Hintergrund der beantragten Ausreise entschied sie sich aber für eine Ausbildung als Krankenpflegerin. Schon nach einem Jahr kam der positive Bescheid aus Deutschland, und die Familie verließ die Millionenmetropole.

Nach kurzer Zeit in Unna-Massen konnte Familie Acepaeva zu den Verwandten nach Minden ziehen. Mit ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder Daniel besuchte Maria Kaiser, deren Familie die Gelegenheit nutzte, den deutschen Mädchennamen ihrer Mutter annehmen zu können, die Bischof-Hermann-Kunst-Schule auf dem Ludwig-Steil-Hof in Espelkamp und lernte ein Jahr lang intensiv Deutsch. "Wir haben bei Null angefangen", sagt sie und lobt die Methoden der dortigen Lehrer.

Ein Jahr später, ab November 2002, pendelte Maria Kaiser wochentags mit dem Zug nach Hannover, um sich in einem viermonatigen Zusatzsprachkurs der Otto-Benecke-Stiftung (siehe Hintergrund) auf den weiteren Schulbesuch vorzubereiten. Denn als Reifezeugnis und Studienzugangsberechtigung wurde ihr russisches Abschlusszeugnis wie üblich nicht anerkannt.

Für das Abitur besuchte sie zwei Jahre lang eine Schule der Otto-Benecke-Stiftung in Geilenkirchen an der deutsch-niederländischen Grenze - mit erheblichen Anstrengungen. "Mein Freund hat mir Mut gemacht durchzuhalten", blickt Maria Kaiser zurück. "Ohne ihn hätte ich nicht so ein gutes Abi geschafft." Er habe sie beim Sprechen verbessert und manchmal habe sie ihn angerufen, um Sätze in ihren Hausaufgaben zu korrigieren.

Sergej Schlei kam als Siebenjähriger vor 17 Jahren mit seinen Eltern nach Minden. Nach der Hauptschule machte er eine Elektrikerlehre, ging zum Bund und absolviert jetzt eine zweite Ausbildung zum Speditionskaufmann. Seit drei Jahren sind die beiden befreundet, und das, obwohl sie sich oft nur an den Wochenenden und in den Ferien sehen konnten.

Nicht einmal vier Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland stand eine "1,5" unter Maria Kaisers deutschem Reifezeugnis. Damit konnte sie sich für das erträumte Medizinstudium bei der ZVS bewerben und erhielt einen Studienplatz an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

Dort startete im vergangenen Herbst gerade "Hannibal" - der Hannoversche integrierte, berufsorientierte und adaptive Lehrplan. Die 23-Jährige freut sich, zu den ersten in dem neuen Modellstudiengang zu gehören, für den sich viele angehende Mediziner beworben hatten.

Derzeit macht Maria Kaiser ihr erstes einmonatiges Praktikum - von insgesamt drei Monaten in den ersten beiden Studienjahren - an einer Privatklinik in Minden. "Vielleicht kann ich auch mal im OP zugucken und assistieren", hofft sie.

Die Übersiedlung nach Deutschland, gegen die sie sich bis zuletzt gesträubt hatte, möchte die selbstbewusste junge Frau nicht mehr rückgängig machen. Ihre alten Moskauer Freunde allerdings haben ihr Studium inzwischen häufig schon abgeschlossen und Familien gegründet. So weit ist sie auf den Umwegen des deutschen Bildungssystems als Studienanfängerin noch nicht.

Die nächste Folge erscheint am Mittwoch, 23. August.

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Dokument erstellt am 29.12.2006 um 01:15:11 Uhr

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