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29.12.2006
Zuerst Namen der Schachfiguren gelernt
Oleg Nikiforow kam als 15-Jähriger mit großer Abenteuerlust in ein für ihn noch völlig fremdes Land
VON JüRGEN LANGENKäMPER

Minden (mt). "Ich konnte noch nichts sagen, wusste aber schon, wie die Schachfiguren heißen", blickt Oleg Nikiforow auf seine ersten Wochen in Minden zurück. Das war vor knapp vier Jahren, und jetzt schickt sich der 19-Jährige an, Abitur zu machen.

"Ich konnte kein Wort Deutsch", erinnert sich der junge Russlanddeutsche. "Aber seit ich Kind war, wusste ich, dass meine Mutter Deutsche war." Sie habe in ihrer Kindheit, fern im Altaigebiet, Deutsch gesprochen, aber nach ihrer Heirat mit Olegs Vater und der Geburt der beiden Kinder nicht in der Familie.

Als Oleg 11 war, 1998, entschloss sich die Familie zur Aussiedlung, nachdem auch schon die Großeltern nach Deutschland gegangen waren. "Meine Mutter musste allein eine Sprachprüfung ablegen." Mit Erfolg. Trotzdem schätzten die Eltern die Chancen zurückhaltend ein.

Doch im Herbst 2002 ging alles plötzlich ganz schnell. Als die Ausreisegenehmigung vorlag, mussten sich die Eltern rasch entscheiden. Der Vater, ein Elektronikingenieur, zögerte und blieb in Rostow am Don zurück. "Als Ingenieur hätte er es hier ganz schwer gehabt", glaubt der Sohn. Denn für den Vater sei mit höherem Alter das Erlernen der fremden Sprache viel schwerer gewesen. Dazu kam die Furcht, keine Arbeit in dem fernen, fremden Land zu finden. "Er wollte nicht unbeschäftigt sein."

Ganz anders der damals 15-Jährige. "Ich bin auch aus Abenteuerlust mitgegangen. Ich hatte so viel über Deutschland gehört und war neugierig." Denn die Großeltern und auch Tanten mit ihren Familien waren schon hier.

"Ich hatte so komische Dinge über Deutschland gehört, und so habe ich mir Deutschland nicht vorgestellt", gesteht Oleg Nikiforow. Irgendwie sei das Land "komplett anders" - ein Urteil über eine Abweichung der Realität von den Erwartungen in eindeutig positiver oder eindeutig negativer Richtung fällt er dabei nicht. "Als ich hier in das deutsche Leben eingetaucht bin, war das komplett anders als für einen Touristen."

Eintauchen in das deutsche Leben hieß für den Jugendlichen nach den Übergangslagern in Friedland und Unna-Massen auftauchen in Bärenkämpen. Dort erzählte ihm ein Verwandter vom internationalen Sport- und Kulturverein Proleter, bei dem man Schach spielen könne. Also stand Oleg eines Tages im Vereinsheim an der Ecke In den Bärenkämpen/Röntgenstraße und lernte die deutschen Namen der Schachfiguren, deren Züge er natürlich aus seiner russischen Zeit längst kannte. Heute spielt er gemeinsam mit dem Vorsitzenden Fadil Nuridin in einer der beiden Schach in der Bezirksklasse.

Deutsch gelernt hat Oleg Nikiforow aber nicht beim Schach - "man muss keine Wörter wissen, um Schach zu spielen" -, sondern an der Bischof-Hermann-Kunst-Förderschule auf dem Ludwig-Steil-Hof in Espelkamp. Dafür nahm er täglich zweimal anderthalb Stunden Busfahrt auf sich.

Seine zwei Jahre ältere Schwester Maria, die in Russland ein Studium hätte aufnehmen können, der hier aber nur die Fachoberschulreife anerkannt wurde, besuchte ein Gymnasium mit Internat in Werl - "in einem katholischen Frauenkloster". Den Weg eröffnete der Jugend-Migrationsdienst (JMD) des Diakonischen Werkes (MT vom 26. Juli). "Hans Koch hat uns sehr geholfen", sagt Oleg Nikiforow. Inzwischen studiert seine Schwester Wirtschaftsmathematik.

Nach fast zwei Jahren Schulzeit in Espelkamp bewarb sich der Mindener bei den hiesigen Gymnasien, während die meisten seiner russlanddeutschen Mitschüler zum Söderblom-Gymnasium in Espelkamp wechselten.

Zum Sprecher der Jahrgangsstufe gewählt

Schwierig gestaltete sich die Anerkennung der Sprachkenntnisse. Denn auf dem Abgangszeugnis der zehnten Klasse fehlte Englisch. Schließlich habe die Direktorin des Besselgymnasiums, Eva Kutschera, den Weg einer Russisch-Feststellungsprüfung gefunden - kein gangbarer Weg für die meisten jungen Russlanddeutschen, die in jüngeren Jahren nach Deutschland kommen. Dann nämlich können sie vielleicht Russisch verstehen und sprechen, aber weniger lesen und schreiben. Da zahlte sich aus, dass Olegs Familie erst relativ spät kam.

"Das Zusammenleben hatte ich mir schwieriger vorgestellt", sagt der Primaner nach zwei Jahren am Bessel. Die Lehrer seien sehr nett gewesen, die Mitschüler gegenüber dem Neuen "vorsichtig, aber höflich und nett" gewesen. Inzwischen wählten sie ihn sogar zu einem der Jahrgangsstufensprecher.

Mathematik hat Oleg Nikiforow als Leistungskurs gewählt und Physik, zu dem Schüler aller drei Gymnasien am Herder-Gymnasium zusammenkommen. "Ich möchte etwas Technisches studieren", steht für den 19-Jährigen fest. Dazu scheint er auf dem richtigen Weg. In den Sommerferien absolvierte er ein Praktikum in einer High-Tech-Schmiede in Minden.

Die nächste Folge erscheint am Mittwoch, 1. August.

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Dokument erstellt am 29.12.2006 um 01:15:11 Uhr

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