"Ich hatte gedacht, die Tiere in Russland und Deutschland sind doch nicht so unterschiedlich", sagt der Tierarzt. Die Tiere wohl nicht, aber offensichtlich die Studiengänge und erst recht die Anerkennung von Berufsqualifikationen und Studienabschlüssen.
Alexander Grüner, Jahrgang 1952, hatte in seiner Heimatstadt Uljanowsk an der Wolga studiert. Dorthin war sein Vater während des Krieges aus der Ukraine gemeinsam mit anderen Russlanddeutschen umgesiedelt worden.
Nach dem Studium wurde Grüner 1975 nach Tula geschickt, rund 150 Kilometer südlich von Moskau. Auf der Kolchose, wo sie beide arbeiteten, lernte er die junge Russin Raissa kennen, die aus dem Gebiet der ehemaligen Republik der Wolgadeutschen nahe der Stadt Engelsk stammte, wo aber seit der Vertreibung 1941 kaum noch Deutsche lebten. Fern der Heimat und der Familie wurden sie ein Paar und heirateten 1976. Die Hochzeitsfeier holten sie erst bei seinen Eltern nach, dann bei ihren. Ein Jahr später wurde ihre Tochter geboren. Dann rief die Armee den jungen Familienvater!
"Ich wurde trotz des Kindes eingezogen", berichtet Alexander Grüner. Drei Tage Zugreise trennten ihn von Frau und Kind. "Ich bin zu meinen Eltern gezogen. Sie mussten für mich sorgen", erzählt Raissa Grüner von der Zeit der Trennung. "Aber ich habe alle zwei bis drei Tage einen Brief bekommen." Und einmal kam auch ihr Mann selbst. "Ich war ein guter Soldat und habe Urlaub bekommen", erinnert sich der Ehemann. Dass ihr Sohn jedes Wochenende von der Bundeswehr nach Hause kam, konnten sie kaum fassen. "Ich habe meine Mutter angerufen und es ihr erzählt: Stell dir vor", sagt die Ehefrau. "Und die Klamotten sind immer sauber."
In der Sowjetarmee dagegen war vieles anders. "In Russland musste ich als Soldat selbst nähen und alles waschen", erzählt Alexander Grüner. Hunger lernte er in den ersten Monaten des harten Rekrutendaseins kennen. Dann sei man daran gewöhnt. "Das Essen war nicht gut, aber auf die Minute pünktlich."
Unter den Schikanen der Militärzeit - wegen seines Studiums brauchte Alexander Grüner statt 24 nur 18 Monate zu dienen - hatte er nicht so viel wie jüngere Rekruten zu leiden. Außerdem durfte er sechs Monate lang eine Militärschule besuchen und wurde so Sergeant. Die Frage, ob er sich für längere Zeit verpflichten wollte, konnte er freundlich mit dem Hinweis auf Frau und Kind ablehnen, ohne bei Vorgesetzten in Ungnade zu fallen. Dies war womöglich sein Glück. "Nachdem ich entlassen worden war, begann der Afghanistan-Krieg."
"Als unser Sohn heranwuchs, hatte ich Angst wegen dieser Armee", sagt Alexander Grüner. Der erste Tschetschenien-Krieg brach aus - mit ein Grund, an Aussiedlung zu denken. 1992 stellte die Familie einen Antrag, der relativ schnell genehmigt wurde. "Aber wir haben gewartet, bis unsere Tochter die Schule und ihre Ausbildung als Krankenschwester abgeschlossen hatte." Ein weiser Entschluss, denn dieses Diplom wurde anerkannt.
Ganz anders beim Vater. In Frankfurt/Oder, wo die Familie vier Jahre lang lebte, stellte sich der Tierarzt nach einem Kurzlehrgang einer Anerkennungsprüfung. "Die Antworten waren meist richtig, haben die Prüfer gesagt, aber mein Deutsch war noch nicht so gut. Ich sollte die Prüfung nach einem halben Jahr noch mal wiederholen." Die zweite Chance konnte er nicht nutzen, denn er musste Geld für den Lebensunterhalt der Familie verdienen - in einer Reinigungsfirma.
Als das Unternehmen insolvent wurde und es in Brandenburg keine Arbeit gab, zog Familie Grüner 1999 der Tochter hinterher, die geheiratet hatte und jetzt in Minden lebte. Auf der Basis von immer wieder verlängerten Zeitverträgen fand Alexander Grüner Arbeit in einer Möbelfirma in Bad Oeynhausen, bis das Unternehmen seinen Sitz verlagerte. Dann war er zwei Jahre arbeitslos, während seine Frau in einem Hotel arbeitete.
In der fleischverarbeitenden Industrie hat der Tierarzt einen neuen Job gefunden - auch wenn seine eigentlichen Qualifikationen hier nicht gefragt sind, sondern Schnelligkeit. "Es ist besser zu arbeiten, als zu Hause zu sitzen", sagt er bescheiden. Immerhin gab es zur Belohnung für die Ausdauer und Geduld schon ein kleines Glück: "Zum ersten Mal seit zehn Jahren in Deutschland haben wir Urlaub gemacht", strahlt Raissa Grüner über das ganze Gesicht. Und wo? "Auf Mallorca."
Zudem hat der Sohn - nach Höherer Handelsschule, Bundeswehr, vielen Bewerbungen und einem Praktikum - einen Ausbildungsplatz, den er ab September antreten kann. Und für einen Moment ist das kleine Glück perfekt, als die Ehefrau einen Packen Briefe aus einem Schrank holt. "Darin lese ich ab und zu", sagt sie. "Sind die alle von mir?", fragt er erstaunt. "Na, von wem denn wohl sonst!", sagt sie lächelnd.
Die nächste Folge erscheint am Mittwoch, 9. August.

