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29.12.2006
Mit schrecklichen Eindrücken zurück
Hans Koch berät beim Jugend-Migrationsdienst junge Russlanddeutsche und Ausländer
VON JüRGEN LANGENKäMPER

Minden (mt). "In die Beratungsstelle kommen nur Leute mit Problemen", sagt Hans Koch vom Jugend-Migrationsdienst, kurz: JMD. Ursprünglich für Jugendliche aus Spätaussiedlerfamilien ins Leben gerufen, steht dieses Hilfs- und Beratungsangebot seit zwei Jahren allen Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis 27 Jahre mit Migrationshintergrund offen.

Mal geht es um das Kündigen eines Telefonvertrages, mal um eine Stromabrechnung, für die der Diplom-Sozialarbeiter eine Ratenzahlung vermittelt. Die Fallstricke der bundesdeutschen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung stehen im Kleingedruckten, nicht nur für Russlanddeutsche - oder "Russen", wie sie sich selbstbewusst nennen. "Das ist eine Art, das Besondere an sich selbst hervorzukehren", hat Koch Verständnis für die Attitüde der Heranwachsenden auf der Suche nach ihrer eigenen Identität. Im Internet gebe es sogar einen eigenen Chatroom für junge Russlanddeutsche.

Hilfestellungen im neuen Heimatland sind zur Genüge erforderlich, und sei es nur bei der Interpretation von Behördenbriefen. Häufig geht es um Fragen von Schule und Ausbildung, und manchmal ist es gerade die Schule, die einen ihrer Schützlinge zum Jugend-Migrationsdienst schickt.

Den Einstieg in den westdeutschen Alltag, besonders die meist weit gehend fremde Sprache, erleichtert die Förderschule im Ludwig-Steil-Hof in Espelkamp. In der Stadtneugründung mit großer Erfahrung bei der Integration von Vertriebenen und Flüchtlingen hat der an der Diakonie im Altkreis Lübbecke getragene JMD seinen Hauptsitz. Kochs Büro am Exerzierplatz in Minden und seine Sprechstunde in der Diakonie in der Fischerallee sind ebenso Außenposten wie Sprechstunden in Lerbeck - in Petershagen nur nach Vereinbarung.

Bei Schulabschlüssen gibt es Beratungsbedarf. "Die meisten staunen, wenn ich ihnen sage, dass sie mit einem Hauptschulabschluss schlechte Chancen auf dem Lehrstellenmarkt haben", berichtet Koch.

Auch hinterher noch ist wie in anderen Bereichen die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen von der Ausländerbehörde, Kreis und Kommunen über Schulen und Berufskollegs bis hin zu ProArbeit erforderlich. Die drei Jahre, die für die Beratung eigentlich wie bei erwachsenen Russlanddeutschen, die zur Caritas gehen (MT vom 15. Juli), vorgesehen sind, reichen selten aus. "Eine 22-Jährige kenne ich seit neun Jahren", sagt Hans Koch, der seit 15 Jahren im Job ist.

Beim Übergang vom früheren Jugendgemeinschaftswerk zum heutigen Jugend-Migrationsdienst sind trotz der Ausweitung der Zielgruppe Mittel gestrichen worden. "Früher waren auch noch Maßnahmen wie Zelten, Radtouren und Freizeitorganisation möglich", bedauert Koch deren Fortfall. Bei solchen Treffen ließen sich die Kontakte immer viel besser vertiefen als in eher kurzen Sprechstunden. Immerhin gibt es noch gelegentlich Bewerbungstrainings in der Mindener Hütte im Harz.

Hans Koch lobt den ausgeprägten Gemeinschafts- und Familiensinn junger Russlanddeutscher, und zwar ungeachtet der konfessionellen Zugehörigkeit. Das kommt auch bei den Treffen im Freundeskreis zum Ausdruck. "Dass sie schneller auffallen, liegt daran, dass sie sich stärker in Gruppen in der Öffentlichkeit präsentieren", sagt er und wirbt um Verständnis. Denn Zusammenkünfte auf Plätzen oder am Straßenrand seien wie bei jungen Zuwanderer aus dem Mittelmeerraum in den Herkunftsregionen verbreiteter, als es der deutschen Tradition entspricht. "Ein Besuch in der Wohnung ist eher unüblich."

Bei manchen Schwierigkeiten in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt und angesichts des Umstandes, dass viele Jugendliche gar nicht die Wahl hatten, wenn ihre Eltern die Aussiedlung in die Wege leiteten, an Rückkehr nach Russland, Kasachstan oder einen der anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion denkt kaum jemand ernsthaft. "Wer Verwandte oder Bekannte in der Herkunftsregion besucht, kommt mit schrecklichen Eindrücken zurück", so Koch.

Die nächste Folge erscheint am Mittwoch, 2. August.

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Dokument erstellt am 29.12.2006 um 01:15:10 Uhr

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