Von 1961 bis 1990 reiste Harry Schröder als Elektroingenieur und Wärmefachmann für Kesselanlagen in der Sowjetunion von Ost nach West und von Nord nach Süd, arbeitete auf Baustellen für große Wärmekraftwerke, für Atomkraftwerke und für Erdölraffinerien. "Die Fahrkarten waren billig." So konnte er auch seine Mutter besuchen in Usbekistan oder später, als sie bei ihrer Tochter im Ural lebte, oder noch später in Krasnodar im Schwarzmeergebiet.
Wenn Harry Schröder von seiner Familie erzählt, wandert der Finger rastlos über die Landkarte des Riesenreiches, um die Stationen seines Lebenswegs nachzuvollziehen. Seinen Vater lernte er kaum kennen. Der Geometer, der schon mit 18 Jahren nach Sibirien gekommen war, wurde 1937 - der Sohn war knapp drei Jahre alt - als "Feind des sowjetischen Volkes" verhaftet. Es war die Zeit der stalinistischen Säuberungen. 1943 starb der Vater im Gefängnis.
Kaum anders erging es dem Großvater väterlicherseits. "Er hatte eine Dampfmühle besessen in der deutschen Kolonie Mariental in der Ukraine. Als Großbauer wurde er bei der Kollektivierung enteignet und kam zur Familie mütterlicherseits", erzählt Harry Schröder. Sonst lernte er niemanden von dieser Familienseite kennen, weiß nichts vom Schicksal der anderen Personen, die auf einem alten Bild mit seinem noch jungen Vater und dem Großvater zu sehen sind. "Eine Schwester ist nach Kanada ausgewandert." Er hat einen Suchantrag nach seiner Tante an die kanadische Mennoniten-Gemeinde gestellt.
Beim Nähen erblindet - stattdessen Stricken
Schließlich kam auch der Großvater ins Gefängnis, wo er starb. Auch die Großmutter mütterlicherseits, die wie die Familie zur westsibirischen Mennoniten-Gemeinde gehörte, wurde 1939 verhaftet, wurde wieder entlassen und 1941 nach dem Einfall der Wehrmacht erneut in ein Arbeitslager gesteckt. Als die alte Frau erblindete, konnte sie nicht mehr nähen, wurde sie trotzdem nicht entlassen, sondern musste stricken. "Eine gute Bekannte, eine Mennonitin, hat ihr geholfen zu überleben", berichtet Harry Schröder von der Solidarität im Lager. Mennoniten hatten schon während des Ersten Weltkriegs unter dem zaristischen Regime zu leiden gehabt. "Zum Glauben gehört es, keinen Wehrdienst zu leisten", erläutert Harry Schröder.Der Großvater mütterlicherseits war als Arbeiter bei einem Bauern von diesem zur Lehrerausbildung auf eine Hochschule geschickt worden. In den Revolutionswirren flüchtete er von der Krim nach Sibirien. Seine Tochter, Harry Schröders Mutter, trat in die Fußstapfen ihres Vaters und wurde Lehrerin an einer Mittelschule in Issilkul, die auch Russen besuchten. Bei Kriegsbeginn musste sie die strategisch wichtige Stadt an der Transsibirischen Eisenbahn verlassen und fand in Nordkasachstan neue Arbeit, wohin sie ihre beiden kleinen Kinder und drei jüngere Schwestern mitnahm. 1942 wurde sie wieder entlassen und sollte wie ihre Schwestern in die Trudarmee geschickt werden. Die Kinder sollten in ein Heim gesteckt werden. Nur weil schon alle überfüllt waren, durfte die Mutter bei ihren Kindern bleiben.
Lange fand die Mutter keine Arbeit, bis sie schließlich die Buchhaltung einer Kolchose führen durfte. In dieser Zeit lernte sie einen Juden kennen, der mit seinen beiden kleinen Kindern vor der Wehrmacht aus dem Nordkaukasus geflüchtet war. Sie heirateten und lebten bis zu seinem Tod 1970 zusammen. Die Stiefgeschwister Harry Schröders wohnen heute ebenfalls in Minden und gehören zur jüdischen Kultusgemeinde.
Als er 1952 die Schule beendete, standen die Deutschen noch unter der so genannten Kommandantur. "Ich durfte nicht wegfahren", erzählt Harry Schröder. "Ich wollte in Alma-Ata studieren, wurde aber abgelehnt, weil ich als Deutscher nicht zum Praktikum zugelassen wurde." So arbeitete er anfangs als Lehrer in einem kasachischen Dorf, aus dem die Lehrerin weggelaufen war. Erst nach Stalins Tod 1953 wurden die Bestimmungen gelockert, und er konnte im Ural eine Fachschule besuchen und Wärmefachmann für Kesselanlagen werden. Nach der Arbeit in verschiedenen Kraftwerken studierte er in Tomsk und wurde Elektroingenieur.
Nach einem Besuch 1994 bei Verwandten nahe Minden stellte Harry Schröder einen Aussiedlungsantrag. Die Hoffnung, auch mit über 60 noch Arbeit zu finden, scheiterte an der Realität des deutschen Arbeitsmarktes. So lebt er von einer kleinen Rente, die ihm als Deutschem zusteht, seine Frau, die Russin ist, erhält ein wenig Sozialhilfe. "Meine Kinder können nicht zu Besuch kommen, weil ich Sozialhilfeempfänger bin", sagt Harry Schröder. Der Schmerz über die Zerrissenheit der Familie, tapfer getragen nach einem entbehrungsreichen Leben voller Arbeit mit Höhen und Tiefen, klingt leise durch.
Die nächste Folge erscheint am Mittwoch, 26. Juli.

