"95 Prozent der Russlanddeutschen, die zu uns kommen, wohnen in Minden", berichtet Christa Harms, die Regina Pallapies während deren Erziehungsurlaub vertritt. Durch die Beratungsgespräche erfährt sie mehr als die meisten Einheimischen von den Sorgen und Nöten der Russlanddeutschen in der für sie zunächst fremden Stadt.
"Viele Fragen drehen sich um die soziale Sicherung, um Kindergeld, Erziehungsgeld, Rentenbescheide, Wohngeld, Gebühreneinzugszentrale und ALG II", sagt Christa Harms. Vor den 16-seitigen Antragsformularen der Hartz IV-Reformwust stehen Russlanddeutsche natürlich nicht minder ratlos als viele Betroffene, die ihr Leben lang in Deutschland gelebt haben.
"75 Prozent unserer Besucher sind Frauen, nur ein Viertel Männer", hat Christa Harms festgestellt. Das liege nicht nur an der besseren Spracheignung von Frauen allgemein. Das hat einen besonderen Grund: "In Russland sind die Frauen zuständig für Haushalt, Kinder, Familie und Papiere. Das wird auch beibehalten, wenn die Familie nach Deutschland kommt." Das ändere sich nach ihrer Einschätzung nicht einmal, wenn der Mann arbeitslos werde und die Frau neben dem Haushalt auch einen Job ausübe.
Obwohl die Caritas eine katholische Einrichtung ist, berät sie aufgrund der Arbeitsteilung zwischen den Wohlfahrtsorganisationen die Zuwanderer aller Konfessionen und Religionen. Dass es die Caritas überhaupt gibt und sie dort Hilfe und Beratung erhalten, erfahren Russlanddeutsche, die für die ersten Jahre ihrer Übersiedlung nach Minden überwiesen werden, durch ein gezieltes Anschreiben noch in der Landesstelle Unna-Massen.
"Sie kommen zu unterschiedlichen Zeiten in die Beratung", hat Christa Harms bemerkt. Einige kommen am Anfang ihrer Ankunft und dann lange nicht wieder, andere mittendrin und einige erst am Ende der ersten drei Jahre, in denen Spätaussiedler als Neuzuwanderer gelten. Wichtig ist die Drei-Jahres-Grenze aus verwaltungstechnischer Sicht. "So lange wird die Beratung vom Bund getragen. Danach ist das Land für die so genannte nachholende Integration zuständig."
"Anfangs läuft ziemlich viel", meint die Sozialarbeiterin, die früher als Dorfhelferin auf Bauernhöfen im Landkreis Nienburg arbeitete und nach ihrer Kindererziehungsphase Sozialwesen studiert hat. Doch nach den "elementaren Dingen", wie sie mit Blick auf Sprachkurse, Arbeit, Wohnung und Schule über die ersten drei Jahre sagt, breche bei vielen der Optimismus weg. Paarprobleme können die Folge sein bei Arbeitsplatzverlust, Konflikte zwischen Generationen, besonders "wenn die Kinder zu spät kommen". Denn wegen der langen Antragsdauer von vier bis sechs Jahren erfolgt der Umzug häufig in der für viele Jugendliche kritischen Pubertätsphase - mit vielen daraus folgenden Problemen, die Jugendliche allgemein haben.
Der jetzt für alle schon im Herkunftsland eingeführte Sprachtest erweist sich als abschreckende Hürde. "Für ganz Russland gibt es 16 Institute, wo die Leute Deutsch lernen können", sagt Christa Harms. Fahrten von 200 Kilometern seien deshalb keine Seltenheit.
Die Folgen sind spürbar: 100 000 Russlanddeutsche wolle Deutschland pro Jahr aufnehmen. Im vergangenen Jahr kamen aber nur noch 35 000, und in den ersten sechs Monaten kamen gerade mal 580 Russlanddeutsche nach Nordrhein-Westfalen.
Und immer häufiger wird Christa Harms mit Fragen zur Rückkehr nach Russland konfrontiert. Gerade erst hat sie 200 Euro gesammelt für eine alte Frau, die, nach dem Tod ihres Mannes vollkommen isoliert, zurückkehren will - aber nicht mal dafür hat sie Geld.
Die nächste Folge erscheint am Mittwoch, 19. Juli.

