"Ich war zwei Jahre Lehrerin für sozialpolitische Disziplinen und Geschichte an einem Gymnasium", erzählt die 34-Jährige von ihren beruflichen Erfahrungen. Aber der Wissensstoff russischer Schulen ist in Deutschland nicht gefragt. Die großen Unterschiede in der Geschichtsschreibung, in der Bewertung einzelner Ereignisse und Epochen, liegen auf der Hand.
Befasst hat sie sich mit der Repression nach dem Zweiten Weltkrieg, mit der Unterdrückung von Kriegsgefangenen und deutscher Minderheit. "Die Arbeit ist vom Dozenten sehr kritisiert worden, aber ich habe ein Sehr gut bekommen", sagt die junge Frau, deren Vater Russlanddeutscher aus dem Gebiet Orenburg auf der Grenze zwischen Europa und Asien ist. "Meine Großeltern haben nur Deutsch gesprochen, meine Mutter war die erste Russin in der Familie." Für ihren deutschen Geburtsnamen, Bensel, musste sie sich als Kind noch als "Faschistin" beschimpfen lassen.
Ehrenamtliche Mitarbeit auf dem Wertstoffhof
"Ich interessiere mich bis heute für Geschichte", bekennt Olga Kozuhar. Aber nach den ersten Jahren in Deutschland, verbunden mit der Nichtanerkennung ihres Diploms, entschied sie sich, Sozialarbeit in Hannover zu studieren, inzwischen im vierten Semester. Denn sie entdeckte ihre Neigung für den sozialen Bereich durch ein dreimonatiges Praktikum bei der Stadtverwaltung, wo sie im Obdachlosenbereich Erfahrungen sammelte.
Praxisbezug behält Olga Kozuhar auch während des Studiums durch ehrenamtliche Mitarbeit auf beim Verein Zentrallager auf dem Wertstoffhof am Petershäger Weg. "Dort kriege ich unschätzbare praktische Erfahrungen." Denn die Akademikerin, die selbst Kontakt zur Frauengruppe der Caritas-Aussiedlerberatung hält, muss viel Behördendeutsch ins Russische übersetzen und Fragen zu Hartz IV und Ein-Euro-Jobs klären.
"Anfangs habe ich selbst vieles nicht verstanden", kennt Olga Kozuhar die Probleme beim Neustart. "Eigentlich bin ich sehr dankbar, weil ich viel gelernt habe und jetzt über gute Praxiserfahrung verfüge." Viermal in der Woche fährt sie nach Hannover, manchmal auch am Wochenende." Das Semesterticket macht die Bahnfahrt ohne Zusatzkosten möglich. In Hannover arbeitet sie auch in einem Projekt mit alten Menschen. "Für mein Studium habe ich richtig gekämpft", sagt die grazile junge Frau, deren Hartnäckigkeit den oberflächlichen Beobachter schnell überrascht.Der Ehrgeiz verschont auch die beiden Männer ihrer Familie nicht ganz. Mann Jurij - sein Diplom als Bergbau-Ingenieur wurde zwar anerkannt, aber in dem Bereich gibt es keinerlei Beschäftigungsmöglichkeiten - studiert an der Fernuniversität Hagen Betriebswirtschaft, allerdings anders als seine Frau ohne Anspruch auf Bafög, denn da er aus einer rein russischen Familie stammt und trotz einer erfolgreich bestandenen Sprachprüfung noch als Ausländer gilt, hat er keinen Anspruch auf diese finanzielle Förderung. "Er arbeitet zur Aushilfe", sagt seine Frau.
Sohn Alexander hat gerade das erste Jahr in der bilingualen Klasse des Besselgymnasiums absolviert, und nach Russisch, Deutsch und Englisch lernt er nach den Sommerferien seine vierte Sprache: Latein - "weil das Voraussetzung für viele Studiengänge ist", sagt die Mutter und ist nicht ganz zufrieden, weniger mit den Schulnoten. "Er spricht sehr gut Deutsch, aber er macht Fehler auf Russisch." Er müsse nicht auf Russisch schreiben, sagt sie angesichts der unterschiedlichen Schriftzeichen. "Aber ich will ihm Lesen beibringen." Aus einem einleuchtenden Grund: "Ich habe Goethe in der Übersetzung gelesen", sagt Olga Kozuhar, "aber nie gewusst, wie schön das in Deutsch, in der Muttersprache, klingt". Und so soll der Sohn eines Tages Puschkin, Tolstoi und Dostojewski eben auch im Original lesen können - von anderen Anstrengungen ganz zu schweigen. Denn eine Freundin erteilt ihm Klavierunterricht, und die Mutter hat ihn auch schon zur Kinderuni für Acht- bis Zwölfjährige mit nach Hannover genommen. "Aber davon war er nicht so begeistert." Der knapp Zehnjährige interessiert sich mehr für Computer.
Eigene Eltern helfen bei Betreuung des Sohnes
Ermöglicht wird das Studium mit schulpflichtigem Kind erst durch die eigenen Eltern. "Mein Vater bring Alexander zur Schule und passt auf. Ohne meine Eltern könnte ich das nicht", gesteht Olga Kozuhar. Zum Glück wohnen die Eltern quasi "um die Ecke" in Bärenkämpen. "Ich kann nicht sagen, dass das ein sozialer Brennpunkt ist", tritt die angehende Sozialarbeiterin Vorurteilen vieler Mindener entgegen.
Rückblickend auf die fünfeinhalb Jahre in Deutschland räumt Olga Kozuhar ein: "Es ist nicht alles gut gelaufen." Wichtig sei dann aber gewesen, im richtigen Moment einen Menschen getroffen zu haben - so wie bei der Caritas -, der dann gesagt habe: "Steh auf, du schaffst das!". Für Männer sei das manchmal schwieriger, glaubt die zierliche Frau.
Ihr Hauptbeweggrund, Rückschläge einzustecken: "Ich wollte eigentlich eine bessere Zukunft für mein Kind haben." Deshalb wartete sie vier Jahre auf die Genehmigung ihres Übersiedlungsantrages. "Ich habe keine Zweifel gehabt."
Aber zumindest eines bindet sie noch an Russland: "Ich habe eine große Bibliothek zurück gelassen. Die Bücher stehen bei Verwandten. Aber eines Tages hole ich sie."

