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29.12.2006
Kinder sollen bessere Chancen haben
Natalia Skvorcova war in Sibirien Medizinerin und will in Minden Apothekenhelferin werden
VON JüRGEN LANGENKäMPER

Minden (mt). "Das Leben ist ein Kampf, viel Kampf", sagt Natalia Skvorcova beim Abschied. Für einen Moment verschwindet das Lächeln von ihrem Gesicht.

Den Kampf hat die junge Frau für ihre beiden Kinder auf sich genommen, und das Leben, das ist für die Russin seit vier Jahren Deutschland, Minden, Bärenkämpen. "In der Grundschule haben die Kinder Deutsch gelernt", sagt sie und blickt voller Dankbarkeit auf die Leistungen der Lehrerinnen in der nahe gelegenen Grundschule in der Bugenhagenstraße in Klassen mit einem hohen Migrantenanteil zurück.

"Am Anfang habe ich kein Wort verstanden", erinnert sich Sofia an die erste Klasse. Gleichaltrige Mädchen, deren Familien ebenfalls aus Russland gekommen waren, aber schon länger hier lebten, übersetzten am Anfang. Offenkundig mit Erfolg: Schon bald übersetzten sie und ihre zwei Jahre ältere Schwester Victoria daheim und tadelten die Mutter wegen ihres Akzents. Heute besucht die Elfjährige die fünfte Klasse des Herder-Gymnasiums, die 13-Jährige geht in die siebte Klasse der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule.

Natalia Skvorcova - deutsch bedeutet der Name Star - nahm den Kampf mit der fremden Sprache und den neuen Gegebenheiten auf - ihr Mann nicht, obwohl die Familie doch eigentlich wegen seiner deutschen Abstammung aus Sibirien in den Westen gegangen war. "Nach neun Monaten ist er nach Russland zurückgekehrt", erzählt Natalia Skvorcova. Der Rest der Familie blieb, ebenso die Schwiegermutter und Großmutter, die schon im Kindesalter die Mädchen auf Deutsch ansprach und früh an den Klang der Sprache gewöhnte. Ebenso blieb die Familie des Schwagers, des gleichfalls deutschstämmigen Bruders ihres Mannes. Ihre Eltern, überhaupt alle anderen leiblichen Verwandten mit Ausnahme der Töchter, hat Natalia Skvorcova in Russland zurückgelassen. Die deutsche Staatsangehörigkeit der beiden Mädchen begründet auch das Bleiberecht der Mutter, solange sie selbst keinen deutschen Pass erhält.

Kampf, das bedeutete auch - wie für viele, die aus dem Ausland nach Deutschland kommen - Niederlage bei der Anerkennung von Qualifikationen. Denn in Nowosibirsk, wo sie geboren ist, studierte Natalia Skvorcova Medizin mit einer homöopathischen Zusatzausbildung und arbeitete in Kurkliniken. Aber die Mutter steckt nicht auf, strengt sich an und schlägt selbst kleine Jobs nicht aus. "Ich bin ProArbeit sehr dankbar", sagt sie - "dankbar", ein Wort, das in ihrem aktiven Wortschatz fest verankert ist.

Natalia Skvorcova freute sich, eine gewisse Zeit in der verlässlichen Grundschule in ihrem Stadtbezirk arbeiten zu können. Jetzt hat sie einen Platz an der Pharmazeutisch-Technischen Lehranstalt erhalten. "Die Richtung passt mir gut", ist sich die studierte Medizinerin nicht zu fein, eines Tages ihr Geld als PTA zu verdienen. "Ich bin wieder in meinem Bereich tätig, ich muss noch 27 Jahre arbeiten", ist sie sogar zuversichtlich, der Gesellschaft die Investition in ihre Ausbildung zurückzugeben.

Mit fünf Jahren homöopathischer Erfahrung im Rücken hofft sie, nach der Ausbildung einen Job zu finden. "Mein zweites Plus sind die russischen Sprachkenntnisse", sagt sie, denn schließlich werden auch Russlanddeutsche mal krank und benötigen Medikamente aus der Apotheke.

"Meine erste Aufgabe ist, für Ordnung im Leben meiner Kinder zu sorgen", sagt Natalia Skvorcova. Da kann es schon mal passieren, dass sie sich Sorgen macht, dass ihre Töchter in der Schule nicht genügend gefordert werden und zu wenig lernen. Oder dass sie das Gespräch mit den Klassenlehrern sucht, weil Victoria wegen ihrer guten Leistungen als "Streberin" bezeichnet worden ist und vorsichtshalber ihren Einsatz um eine Note nach unten orientiert. "Ich lebe, wie ich lebe", meint die Mutter bescheiden und ohne Reue. Aber Kampf ist ihr Leben eben doch. "Aber die Kinder sollen bessere Chancen haben."

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Dokument erstellt am 29.12.2006 um 01:15:05 Uhr

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