Das war im November 1941, wenige Monate nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion, gerade als die Wehrmacht vor Moskau stand. Auch die Familie Asenheimer blieb von der Furcht der Sowjets vor den eigenen deutschen Mitbürgern als "fünfter Kolonne" der Nazis und den daraus resultierenden Repressalien nicht verschont. Alma Asenheimers Vater und die älteren Geschwister waren schon in die so genannte Trud-armee, eine paramilitärische Gruppierung für harte Arbeitseinsätze, gepresst worden.
Diesem Schicksal entging die Mutter um Haaresbreite. "Wir Kinder wären sonst allein gewesen", sagt Alma Asenheimer. Die älteste der daheimgebliebenen Schwester war gerade erst 16 und hätte die volle Last übernehmen müssen.
Die Familie war gerade erst im Sommer 1940 aus dem Gebiet Omsk in Sibirien, wo Alma Asenheimer und ihr Zwillingsbruder zur Welt gekommen waren, Verwandten nach Kirgisien gefolgt. "Unser Haus war noch nicht fertig, die Mutter musste das Dach noch allein aus Lehm zu Ende bauen", erinnert sich die 67-Jährige. Oft sei die fromme Frau - die Familie, deren Vorfahren in Wolhynien in der Westukraine gelebt hatten war evangelisch-lutherischen Glaubens - auf die Knie gesunken und habe gebetet.
Mutter muss Kindern Kräutersuppe kochen
Weil alle Hunger litten, kochte die Mutter Suppe aus Kräutern und Gräsern, die aber die kleine Alma nicht vertrug. Als der Vater einmal aus der Arbeitskompanie heimkehrte, nahm er die Kleine mit. In drei Monaten päppelte er gemeinsam mit einer älteren Tochter, die ebenfalls in der Trudarmee arbeiten musste, dank der besseren Verpflegung dort wieder auf, so dass sie zur Familie zurückkehren konnte.
Das Kapitel ging dennoch nicht glücklich aus. Denn nachdem der Vater sich geweigert hatte, als Spitzel andere zu verraten, kam er auf mysteriöse Weise ums Leben.
1956 heiratete Alma Asenheimer ihren Mann, einen Russen. "Es gab in unserem Dorf keine anderen Deutschen", sagt sie. "Meine Kinder habe ich in der russischen Kirche getauft." Denn eine lutherische Kirche gab es weit und breit nicht mehr. Die Mutter ging aber weiter zu einer Bibelgruppe, wie es die Tochter heute in Minden tut.
34 Jahre arbeitete Alma Asenheimer in einem Kindergarten in der kirgisischen Hauptstadt Frunse, dem heutigen Kischbek. Voller Hingabe erzählt sie von ihrer Arbeit. "Wenn du große Liebe zu den Kindern hast, sind sie viel gehorsamere Kinder", sagt sie.
"Ich danke Gott, dass wir da sind"
"Die Chefin wollte nicht, dass die anderen wussten, dass ich Deutsche bin", erzählt Alma Asenheimer. Der Grund lag in dem Wunsch, sie vor noch vorhandenen Benachteiligungen zu schützen. Sie befürwortete wegen der großen praktischen Erfahrung auch die Höherstufung als Fachleiterin, obwohl die Deutsche keinen Abschluss ihres Fernstudiums am Institut machen konnte.
"Ich hatte immer die größte Gruppe", sagt Alma Asenheimer. Das waren jene Kinder, die bereits mit Lesen und Rechnen auf ihre Einschulung mit sieben Jahren vorbereitet wurden. Zwölf Stunden täglich war der Kindergarten geöffnet. Zweimal in der Woche kam eine Musiklehrerin. Mit ihren Schützlingen aus unterschiedlichen Nationalitäten unternahm die Erzieherin immer wieder Ausflüge in die Natur.
Mit 50 Jahren konnte Alma Asenheimer in Ruhestand gehen. "Zum Abschied gab es großen Besuch, auch der Firmendirektor kam, dessen Kinder in meiner Gruppe gewesen waren", erinnert sie sich. "Wenn du die Kinder liebst, schätzen dich die Eltern. Meine Chefin ist auf die Knie gefallen wie eine Gläubige und hat mir gedankt." Zu ihr hat sie auch heute noch Kontakt und ruft gelegentlich in Moskau an.
Doch aus dem wohlverdienten Ruhestand wurde nichts. Durch ein tragisches Unglück verlor sie noch im selben Jahr ihren Mann und ihr Enkelkind. Dann brach mit der Sowjetunion das Sozialsystem zusammen, und die eigene kleine Rente blieb aus. Alma Asenheimer musste wieder arbeiten, aber nicht im geliebten Beruf, sondern in Hilfstätigkeiten.
Bereits seit 1979 lebte die älteste Schwester in der DDR, wo auch ein Cousin wohnte. Dorthin zog 1992 auch eine weitere Schwester. Dann stellte Alma Asenheimer selbst einen Übersiedlungsantrag und geduldete sich noch zwei Jahre, bevor sie 1994 nach Chemnitz ziehen durfte.
Nach Minden kam sie vor fünf Jahren, als ihr jüngster Sohn mit seiner Frau und zwei Kindern hierher kam, nachdem er eine Sprachprüfung abgelegt hatte. "Ich danke Gott, dass wir da sind", sagt die Frau in ihrer kleinen Wohnung. Ihre Gedanken aber sind auch beim älteren Sohn, der im fernen Tschita mit einem Herzinfarkt im Krankenhaus liegt. Eine Reise dorthin würde zehn Tage dauern.
Ihr Leben für andere hat Alma Asenheimer in Minden nicht aufgegeben, in Kirgisien für Kinder, hier für Ältere. Berührungsängste hat sie nicht. Sie besucht die Aussiedlerberatung und den russlanddeutschen Gesprächskreis der katholischen Caritas, geht in die evangelisch-lutherische St. Thomaskirche in Rodenbeck, wo "die Russlanddeutschen auf der einen Seite und die hiesigen auf der anderen" sitzen, und zu den Baptisten am Gesellenweg. "Die machen so schöne Gottesdienste", sagt sie.

