Einen eigenen Garten zu haben, war für die Familie lebenswichtig, als sie noch in Moskau wohnte. "Meine beiden kleinen Kinder waren krank", blickt die 51-Jährige in die 80er-Jahre zurück. "Aber es war ein großes Problem, einen Garten zu bekommen." Olga Kaiser hatte Glück: 186 Kilometer entfernt fand sie ein 600 Quadratmeter großes Grundstück, denn im Umkreis der Hauptstadt durfte es aus strategischen Gründen keine Gärten für normale Sowjetbürger geben.
"Dort war echte Natur", sagt Olga Kaiser über die Gegend. Sie selbst war im Altai-Gebiet, nahe der chinesischen Grenze, aufgewachsen, wohin ihre Mutter nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juni 1941 aus dem Wolgagebiet zwangsweise umgesiedelt worden war. Deren erster Mann starb an den Entbehrungen in der Trudarmee, in der russlanddeutsche Männer und Frauen Zwangsarbeit verrichten mussten.
Nach dem Krieg durfte die Familie nicht ihre Heimat an der Wolga zurückkehren. Russlanddeutsche waren wie andere Nationalitäten bis über Stalins Tod hinaus der "Kommandantura" unterworfen und durften nicht selbst entscheiden, wo sie wohnen wollten.
Zu Haus sprachen die Großeltern Deutsch, die Eltern gemischt Russisch und Deutsch mit den Kindern. "In der Schule wurde ich als , Tochter Hitlers` und als ,Faschistin` beschimpft", erinnert sich Olga Kaiser an die Schulzeit - kein Einzelschicksal in der Sowjetunion nach 1945.
Als junge Frau arbeitete Olga Kaiser in Barnaul, der Hauptstadt der Altai-Region, als Straßenbahnfahrerin. Später zog sie in die ferne Hauptstadt und lernte dort ihren Mann Iwan (47) kennen. Als Kindergärtnerin ebenso wie als Hausmeisterin in einer Schule bewies ihre Vielseitigkeit.
Die Wochenenden verbrachte die Familie häufig in ihrem Garten und im Sommer die dreimonatigen Ferien. "Ich habe dort 30 Sorten Erdbeeren angepflanzt", nennt die stolze Gärtnerin nur ein Beispiel für die Vielfalt in ihrem kleinen Garten Eden. Dank der gesunden Umgebung und der Erzeugnisse aus eigenem Anbau erholten sich die Kinder schnell.
Als nacheinander Geschwister und Eltern in die deutsche Heimat der Vorfahren übersiedelten wie schon so viele vor ihnen, stellten auch Olga Kaiser und ihr Mann einen Antrag. "Wir wollten nach Berlin", zeigt die ehemalige Moskauerin durchaus einen weltstädtischen Sinn. Wegen des Wohnorts der Geschwister - "fünf sind in Minden, einer in Wuppertal und einer in Moskau" - wurde auch Olga Kaiser und ihrer Familie Minden als Wohnort für die ersten Jahre zugewiesen.
Schnell schlug sie hier Wurzeln - im wörtlichen Sinne. "Meine Schwester hatte einen Garten in der Brauereistraße", erzählt Olga Kaiser. Hier half sie anfangs, und als es der Schwester zu viel mit der Arbeit wurde, übernahm sie die Parzelle und hat viel Zeit darin investiert. "Ich habe viele Pflanzen aus Moskau mitgebracht", sagt sie - und auch zahllose Bücher über Pflanzen und Kräuter. Da wachsen verschiedene Beeren und mehrere Arten Zwiebeln. "Diese wachsen nach dem Schnee und geben viele Vitamine". sagt die Frau, die über einen schier unerschöpflichen Wissensschatz über alle möglichen essbaren Früchte zu verfügen scheint. Was sie aber nicht verstehen kann: "Die Menschen hier haben so große Gärten, aber alles nur Rasen."
"Der Garten ist mir an die Seele gewachsen", sagt Olga Kaiser. Nur vor drei Jahren, als die einstige Straßenbahnfahrerin den Führerschein neu machen musste, hatte sie selten Zeit dafür. Die Anerkennung von Prüfungen und Zeugnissen ist ohnehin schwierig. "Mein Mann war als Berufsschullehrer tätig", sagt sie. Aber hier arbeitet er als Gärtner beim Arbeitslebenzentrum. Sie selbst kümmert sich um alte und kranke Menschen bei einem ambulanten Pflegedienst.
Seit April hat Olga Kaiser einen zweiten Garten übernommen in der Kleingartenanlage "Zur Erholung" am Habsburgerring. "Da gibt es ein kleines Gartenhaus mit Wasser und Strom", freut sie sich. "Hier kann man grillen, Musik machen und übernachten." Und am Wochenende kann ihre Tochter aus Hannover kommen, wo sie im zweiten Semester Medizin studiert, die Leckereien genießen, die die beiden Gärten hervorbringen, und sich im Schatten der Bäume entspannen, fast so wie früher im Garten vor den Toren Moskaus.

