14 Mindener Sinti verlieren in Auschwitz das Leben / Zuletzt noch gegenüber den Mördern Widerstand geleistet
Ihr Leben verloren: Johanna, Mimi und Franz Grannemann; Heinz Müller, der schon 1940 aus Minden nach Auschwitz verschleppt wurde; Alexander und Otto Strauss; Anna, Berta (Rosa), Maria und Rudolf Weiß (aus der Ritterstraße); Rudolf Weiß (aus der Greisenbruchstraße); Willi Wenig, Maria Elisabeth und Stephan Wiegand.
Von überlebenden Mithäftlingen, die nach dem Krieg nach Minden zurückgekehrt waren, sind einzelne Zeugenaussagen über die Vorkommnisse in Auschwitz überliefert. Der Auschwitzüberlebende Albert Weiß behielt am linken Arm das Brandmal "Z 150" zurück. Er berichtete 1995 in der Schaumburg-Lippischen Landeszeitung: "Die Menschen hausten wie Tiere, eingepfercht in den Holzregalen der Baracken." Kriminelle Aufseher hätten Orgien der Gewalt gefeiert. Schläge bestimmten den Alltag, das Töten sei zur Routine geworden. Alte Kinder und Frauen fielen reihenweise Seuchen, Hunger und Durst zum Opfer. Ihre ausgemergelten Körper seien nackt wie Abfall in den Leichenbunker geworfen worden und "über allem hing bleiern der Todesgeruch der Gaskammern und Krematorien."
Der ebenfalls nach Auschwitz deportierte Mindener Sinto August Steinbach erklärte 1949, dass Willi Wenig im Lager an Typhus umgekommen sei. Über den Tod von Maria Elisabeth Wiegand führte er im Mai 1952 aus: "Ich lag mit der Familie Wiegand in einem Block, der aus einer Baracke bestand. Die Mutter Wiegand kam im August oder September 1943 unterernährt ins Lazarett, wahrscheinlich war sie an Flecktyphus erkrankt, der damals im Lager herrschte. Sie kam in den Revierblock für Flecktyphuskranke. Aus dem Block wurde uns dann gemeldet, dass Frau Wiegand verstorben sei." Die ebenfalls lebend aus Auschwitz zurückgekehrte Maria C. (Name von der Redaktion verändert) gab im August 1953 vor dem "Kreisanerkennungsausschuss Minden für rassisch Verfolgte" folgende eidesstattliche Versicherung ab: "Ich bin am 3. März 1943 mit Frau Anna Weiß und ihren Kindern Rosa, Marie und Rudolf Weiß in das KZ-Lager Auschwitz-Birkenau (Zigeunerlager) eingeliefert worden. Ich habe gesehen, dass das jüngste Kind, Rosa, etwa 14 Tage nach der Einlieferung in das Lager verstarb. Ich habe das tote Kind gesehen. Wir haben in einem Block gelegen. Im Jahr 1944 ist Frau Anna Weiß verstorben, sie hatte Fleckfieber und hat aus diesem Grund eine Spritze gekriegt, 15 Minuten später war sie tot. Ich habe Frau Weiß sterben gesehen, weil sie in meiner Boxe lag (fünf Personen lagen jeweils in einer Boxe). Das Kind Marie Weiß, mein Patenkind, ist ebenfalls im Jahr 1944 verstorben, nachdem es einige Tage vorher ins Krankenrevier eingeliefert war. Der Sohn Rudolf ist ebenfalls 1944 ins Krankenrevier gekommen."
Mit Messern und Spaten bewaffnet
In der Nacht vom 2. zum 3. August 1944 sind die letzten 2 887 verbliebenen Frauen, Männer und Kinder aus dem "Zigeunerfamilienlager" in Auschwitz vergast worden. Ursprünglich war ihre Liquidierung schon im Mai 1944 geplant gewesen. Damals hatte das sogenannte "Zigeunerfamilienlager" noch ungefähr 6000 Insassen. Ihre vollzählige Ermordung scheiterte am 16. Mai 1944, weil der Lagerführer Paul Bonigut die Mordabsicht weitergegeben hatte. Die informierten 6000 Sinti und Roma erwarteten die anrückenden SS-Wachmannschaften in ihren bereits umstellten Baracken mit "Messern, Spaten, Brecheisen und Steinen bewaffnet", sodass sich die SS zunächst unverrichteter Dinge wieder zurückzog. Dann wurden weitere "Arbeitsfähige" selektiert, die zum Teil überlebten, bis der wehrlose Rest am 3. August in die Gaskammern getrieben wurde.
August Steinbach gehörte zu denjenigen Sinti, die durch den Widerstand der Roma- und Sinti-Häftlinge am 16. Mai später als "arbeitsfähig" selektiert wurden. Er schilderte in einer Zeugenaussage am 9. Mai 1952 vor dem Mindener Amtsgericht, dass Stephan Wiegand im "Zigeunerlager" verblieben war: "Diesen habe ich etwa am 26. Juli 1944 zuletzt gesehen. An diesem Tag kam ich mit dem letzten Transport von arbeitsfähigen Lagerinsassen, etwa 1000 Personen, aus dem Lager. Stephan war nicht arbeitsfähig und blieb daher im Lager." Im Beschluss des Mindener Amtsgerichtes zur Toterklärung von Stephan Wiegand hieß es daher: "Er ist wahrscheinlich vergast worden."
Kristan Kossack aus Minden beschäftigt sich mit regionaler Zeitgeschichte (19. und 20. Jahrhundert) und hat diverse Veröffentlichungen verfasst (
www.zg-minden.de). Das Ende 2009 von der jüdischen Kultusgemeinde herausgegebene Buch "Spuren jüdischen Lebens" war unter seiner Mitwirkung entstanden.
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