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16.10.2010
MINDENER SINTI IN DER NS-ZEIT
Sammeln vor dem ehemaligen Amtsgericht
Behörden setzen "Lösung der Zigeunerfrage aus dem Wesen der Rasse heraus" in die Tat um / Transport nach Hannover
VON KRISTAN KOSSACK

Minden (y). In mehreren Aktionen verschleppten während des Krieges die Mitarbeiter der Polizeidienststellen Mindener Sinti. Während die Betroffenen in Konzentrations- und Arbeitslagern den Tod vor Augen hatten, führte die Finanzbehörde ihr Vermögen dem Staat zu.

Im Gebäude an der Kampstraße befand sich im Zweiten Weltkrieg das Mindener Amtsgericht. Vor dem Untersuchungsgefängnis mussten sich die Deportieren versammeln. | MT-Foto: Stefan Koch

Zur weiteren "Lösung der Zigeunerfrage aus dem Wesen der Rasse heraus", so der Reichsfüher-SS und Chef der Deutschen Polizei Heinrich Himmler im Jahre 1938, wurden die in der Regel zur Zwangsarbeit verpflichteten Sinti und Roma im Verlauf des Krieges, analog zur "Endlösung der Judenfrage", aus dem Altreich nach Osten deportiert. Himmlers "Auschwitzerlass" ist am 16. Dezember 1942 ergangen. Danach sollten die letzten, etwa noch 10 000 in Deutschland lebenden "Zigeunermischlinge, Rom-Zigeuner, nicht-deutschblütige Angehörige zigeunerischer Sippen balkanischer Herkunft" in den folgenden Monaten nach Auschwitz verschleppt werden.

Von der "Kriminalpolizeileitstelle Hannover" ist mit Datum vom 10. April 1943 ein Schreiben an den Mindener Regierungspräsidenten überliefert, das den Verschleppungsvollzug von "24 zigeunerischen Personen" aus "Minden (Stadt) in das KL.-Auschwitz" dokumentiert. Zusätzlich ist eine Namensliste der Kriminalpolizei Minden erhalten, die besagt, dass hier die Polizeiaktionen am 2. März 1943 durchgeführt wurden. 22 Betroffene sind benannt. Ihnen widerfuhr die Festnahme in der Wohnung, Sammlung am ehemaligen Untersuchungsgefängnis in der Kampstraße und der Transport nach Hannover.

Der im Jahr 1938 geborene Franz Z. (Name der Redaktion bekannt), war zunächst zusammen mit der Familie Z. aus der Greisenbruchstraße festgenommen und zur Sammelstelle am ehemaligen Amtsgericht gebracht worden. Er lebte bei Pflegeeltern, weil seine Mutter, Margareta Z. schon 1940 verstorben war. "Durch Zufall", so Z., "wurde man im Polizeigefängnis darauf aufmerksam, dass ich einen anderen Namen trug." Sein Vater, Konrad Z., war damals in Minden dienstverpflichtet, nachdem ihm sein Wandergewerbeschein entzogen worden war. Er konnte gerufen werden und durfte den Sohn mitnehmen. Z. meint im Rückblick: "Es ist mir noch heute unfassbar, dass ich damals durch Zufall dem Tode entronnen bin."

In Konzentrationslagern gefangen gehalten

Im März und im Dezember 1943 wurden zusätzlich Heinrich Wiegand und Frieda Müller als "Zigeunermischlinge" nach Auschwitz deportiert. Beide wurden bis zum Kriegsende in verschiedenen Konzentrationslagern festgehalten. Der Bruder von Frieda Müller, Heinz Müller, ist nach Aussage der Mindener Kriminalpolizei bereits im Spätherbst 1940 aus rassischen Gründen in Haft genommen worden und 1944 in Auschwitz umgekommen.

Über die Polizeiaktion im März 1943 in Minden hat der Kriminalbeamte Heinrich Flessner als Zeuge in der öffentlichen Sitzung der "Entschädigungskammer Detmold" am 20. November 1956 berichtet: "Die festgenommenen Zigeuner durften nur in beschränktem Umfange Gepäck mitnehmen. Ihre Wohnungen wurden versiegelt und was in den Wohnungen zurückgeblieben war, galt als beschlagnahmt. Die zurückgebliebenen Sachen wurden im November 1943, wohl von einem Steuerinspektor S. vom Finanzamt Minden übernommen. Die Zigeuner wurden in Omnibussen nach Hannover zum Bahnhof gebracht, dort wurden sie in einen Zug verladen. Was weiter mit ihnen geschah, wussten wir zunächst nicht. Erst später erfuhren wir durch postalische Mitteilung, dass die Zigeuner nach Auschwitz ins Lager gekommen waren."

Mehrere Mindener Sinti-Männer, die nicht nach Auschwitz deportiert wurden, sind im Frühjahr 1944 vom Arbeitsamt dem sogenannten "OT-Lager Störmede" (Lager der Organisation Todt) bei Lippstadt zugewiesen worden. Die Einweisung von "wehrunwürdigen Personen" (Halbjuden, Sinti, Kommunisten und andere Oppositionelle) in Arbeitslager der Organisation Todt geschah auf Verfügung Heinrich Himmlers.

Schwere Arbeit bei jedem Wetter

Hugo Winterstein (geb. am

27. Oktober 1926) und weitere Mindener Häftlinge blieben bis zum Oktober 1944 beim "Flugplatzkommando Störmede" dienstverpflichtet. Sie mussten dort als "Hundertschaft" unter Bewachung bei jedem Wetter schwere körperliche Arbeiten verrichten. Eine Entmannung der "Hundertschaft" wurde planmäßig durchgeführt und als unbedeutende Lazarettbehandlung kaschiert. Vom Arbeitsentgelt wurde eine sogenannte Judenvermögensabgabe abgezogen. Untergebracht waren sie in Scheunen. (AfW 139) Im Oktober 1944 kamen sie bis zur Befreiung durch alliierte Truppen am 4. April 1945 zur Zwangsarbeit in den Schieferbergbau der Firma Braukmann in Willingen/Waldeck.

Kristan Kossack aus Minden beschäftigt sich mit regionaler Zeitgeschichte (19. und 20. Jahrhundert) und hat diverse Veröffentlichungen verfasst (www.zg-minden.de). Das Ende 2009 von der jüdischen Kultusgemeinde herausgegebene Buch "Spuren jüdischen Lebens" war unter seiner Mitwirkung entstanden.

Dokumenten Information
Copyright © Mindener Tageblatt 2012
Dokument erstellt am 16.10.2010 um 01:16:10 Uhr
Letzte Änderung am 16.10.2010 um 02:23:04 Uhr

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