Mindener Schausteller entzieht sich rassenpolitischen Maßnahmen der Nazis und taucht in Italien unter
Der Sinto Kurt Steinbach (geb. 1. Februar 1908) lebte mit seiner Familie bis Ende April 1940 in Minden. Er war Artist und zog als Schausteller mit seinem Wohnwagen von Stadt zu Stadt. Seine Ehefrau Margarethe (geb. Kreutz, 20. Juli 1907) war Händlerin. Am 8. Dezember 1938 wurde Steinbach, aufgrund eines Runderlasses des Reichsführers der SS, Heinrich Himmler, untersagt, Minden zukünftig zu verlassen. Mit Himmlers Verordnung sollte die "Regelung der Zigeunerfrage aus dem Wesen der Rasse" eingeleitet werden.
Für Steinbach kam Himmlers Erlass einem Berufsverbot gleich und er arbeitete danach zunächst als Hilfsarbeiter bei der Lagerhausgesellschaft und später als Kraftfahrer bei der Firma Julius Lax. Nachdem er im April 1940 einen Arbeitsunfall erlitten hatte, erhielt Steinbach von Kriminalkommissar Flessner, der in Minden für "Zigeunerangelegenheiten" zuständig war, den dringenden Rat, sich möglichst schnell dauerhaft niederzulassen. Er wäre sonst als "arbeitsscheu" in ein Konzentrationslager eingewiesen worden.
Steinbach entschied sich dafür, Deutschland zu verlassen. Er besaß damals neben seinem Wohnwagen noch zwei Personenkraftwagen Marke Buick und Ford Rheinland. Er musste den Wohnwagen mit dem Buick weit unter Wert an seinen Arbeitgeber verkaufen, um etwas Fluchtgeld zu bekommen. Kriminalhauptkommissar Flessner hatte für Papiere gesorgt, die der Familie eine Ausreise erlaubten und so konnte Steinbach mit seiner Ehefrau und seinen beiden Kindern mit dem kleinen Ford nach Italien fahren. Mitnehmen konnten sie nur Schmuck und ein paar Wertsachen, Hausrat, Garderobe und Artistenausrüstung blieben zurück.
In Italien kaufte sich Steinbach von dem Erlös für den Schmuck einen kleinen Omnibus. So konnte er Schausteller anwerben und mit ihnen, wieder im Land umherziehend, Varietévorstellungen geben. Gleichzeitig suchte Steinbach Kontakte zur Partisanenbewegung und arbeitete mit ihr zusammen. Der Abschnittskommandant vom "Kommando des Nationalen Befreiungsausschusses Trenzano" bescheinigte Steinbach im Mai 1945 "für die Befreiung des Vaterlands Dienste geleistet" zu haben.
Es ist nicht überliefert, worin Steinbachs Dienste konkret bestanden haben. Eine Teilnahme von Sinti und Roma an Befreiungsbewegungen in Europa ist vor allem für Frankreich, im ehemaligen Jugoslawien, in Polen, in der Slowakei und in der ehemaligen Sowjetunion dokumentiert. In den letztgenannten Ländern ließ die Vernichtungspolitik der deutschen Besatzer gegenüber Minderheiten diesen keine andere Wahl, als in die Wälder zu Partisanen zu flüchten. Aus Frankreich wird berichtet, dass Sinti und Roma Widerstandsgruppen insbesondere bei der Verteilung von antideutschen Flugblättern und Weiterleitung von Informationen unterstützt haben, sowie Résistance-Kämpfer verstecken und mit Lebensmitteln versorgen halfen. Teilweise sollen sie auch an bewaffneten Aktionen der Résistance beteiligt gewesen sein.
Steinbachs mobiler Zirkustruppe könnten in Italien vergleichbare Aktivitäten möglich gewesen sein. 1946 kehrte er nach Deutschland zurück und lebte wieder in Minden.
Kristan Kossack aus Minden beschäftigt sich mit regionaler Zeitgeschichte (19. und 20. Jahrhundert) und hat diverse Veröffentlichungen verfasst (
www.zg-minden.de).
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